The Boogie Man mit Sonnenbrille und Gitarre um den Hals auf der Bühne
The Boogie Man © V. Rendel & K. Blinde
The Boogie Man mit Sonnenbrille und Gitarre um den Hals auf der Bühne
The Boogie Man © V. Rendel & K. Blinde

Blues ist für Hans Weill kein Genre, sondern ein Lebensgefühl. Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist er als „The Boogie Man“ auf der Bühne unterwegs. Im Interview erzählt der Darmstädter Musiker von seinem Weg, besonderen Bühnenerlebnissen und der Kraft der Livemusik.

Von Julia Sekler


Hans Weill, du bist seit über 50 Jahren als Blues-Musiker „The Boogie Man“ unterwegs. Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem dir klar wurde, Musik ist mein Weg?

Ja, ich war mit 10 oder 11 Jahren im Urlaub mit meinen Eltern. Auf einem Konzert mit meinem Vater, habe ich Rory Gallagher kennengelernt. Das war ein bekannter irischer Bluesmusiker, leider schon verstorben. Da stand ich und es hat mich gepackt. Es ging mir echt kalt den Rücken runter. Das war für mich so der Anfang zu wissen, ich möchte Musiker werden, auf jeden Fall irgendwas mit Blues. Meine Eltern schenkten mir eine Gitarre und ich habe mir Griffe und Melodien angeeignet. Ich hörte mir etwas an und dann versuchte ich es nachzuspielen. Bis heute kann ich keine einzige Note lesen, ich bin Autodidakt. Inspiriert hat mich damals der Rory Gallagher. Das war mein Held.

Woher kommt dein Name The Boogie Man?

Als ich nach Darmstadt gekommen bin, um hier mein Erzieherstudium zu machen, war ich Hausmusiker in der Goldenen Krone. Das ist ein Laden in Darmstadt, dort gab es vor 50 Jahren so genannte Jam Sessions. Da haben sich Musiker getroffen und Musik gemacht. Irgendwann sagte der Besitzer der Krone: „Der tanzt ja rum wie so ein Boogie Man.“ So hatte ich dann plötzlich meinen Namen. Ich habe den dann einfach beibehalten, weil Hans heißen viele, aber Boogie Man eben nicht. Inzwischen gibt es bestimmt tausende Boogie Man vom Hard-Rocker bis zum Wrestler. Aber den Boogie Man aus Darmstadt gibt es nur einmal.

Blues scheint für dich mehr als nur ein Musikstil zu sein. Was bedeutet der Blues für dich?

Für mich bedeutet Blues Lebensfreude und Lebensgefühl. Mir ist vor allem wichtig, dass ich das Publikum begeistere. Dass ich es zum Mitsingen und Klatschen bringe und dass die Leute einfach glücklich nach Hause gehen. Ich möchte das Bluesgefühl im Herzen der Menschen erwecken. Auch heute kommen Leute nach dem Konzert zu mir und sagen: „Ich bin eigentlich Techno-Fan, aber ich habe zum ersten Mal Blues gefühlt. Ich hatte ein Tränchen in den Augen.“ Das ist genau das, was ich damit erreichen möchte.

Gibt es denn ein Moment auf der Bühne, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, wir fuhren damals mit dem Auto rum und hörten im Radio, in Frankfurt gibt es ein großes Festival, Pampa-Power-Festival, hieß das. Wir sind hingefahren. Ich habe mich nach vorne in die erste Reihe gekämpft und dann kam Roger Chapman. Er fing ein Lied an, das nannte sich „Bring It On Home To Me“. Ich habe das Lied gesungen und zwar ziemlich laut. Er hat mich dann hochgebeten auf die Bühne vor 20.000 Zuschauern. Roger Chapman ging nach hinten und hat mich dann 2-3 Strophen singen lassen. Das ist der Auftritt, der mir sehr im Gedächtnis blieb. Das war für mich eine Spitzenerfahrung, mit dieser Band zu spielen. Dann habe ich mich 2 Wochen nicht aus dem Haus getraut, weil die Leute mit dem Finger auf mich gezeigt haben: „Guck mal, das ist doch der vom Live-Auftritt!“

 

Du hast selbst als Solo-Musiker in verschiedenen Bands gespielt. Was hat dich all die Jahre an der Live-Musik gehalten?

Erfahrungen mit anderen Musikern zu sammeln. Zu fühlen, wie sind die jetzt drauf, was können wir gemeinsam machen, damit die Leute Spaß haben. Eigene Lieder spiele ich nur am Lagerfeuer. Ich spiele hauptsächlich nach. Meine Lieder sind zwar bekannte, alte Blues-Stücke, aber sie werden immer wieder neu erfunden. Jedes Lied ist immer anders. Zum Beispiel „Blue Suede Shoes“ von Elvis Presley, das ja ein schneller Rock’n’Roll ist, einfach mal als Blues zu singen. Das hat mich immer interessiert, auch gewisse Experimente mal zu machen.

Musik über so viele Jahrzehnte zu machen, erfordert auch Durchhaltevermögen. Gab es denn Phasen oder Momente, in denen du ans Aufhören gedacht hast?

Es gab nie einen Moment, wo ich gedacht habe, jetzt höre ich auf. Ich merke jetzt mit fast 70 Jahren, nach über 50 Jahren Musik machen, dass es weniger wird. Früher haben wir 3-4 Mal im Monat gespielt. Heute sind es 5-6 Konzerte im Jahr. So hat sich das verändert. Ich muss nicht mehr überall spielen, ich habe eigentlich fast alles hinter mir. Der Boogie Man war in Presse, Funk und Fernsehen zu sehen und ich habe Preise gewonnen. Ich bin eine lokale Berühmtheit. Natürlich habe ich aber noch Träume. Einmal in meinem Leben möchte ich mit meiner jetzigen Band „THE BOOGIE MAN & FRIENDS“ auf dem Burgherzberg-Festival auftreten. Das ist das größte Hippie-Festival in Europa. Aber ich habe nie ans Aufhören gedacht.

Du hast gesagt, dass sich die Häufigkeit eurer Auftritte verändert hat. Inwiefern hat sich die Blues-Szene verändert?

Es gibt nicht mehr so viele Blues-Bands in Darmstadt. Aber die jungen Musiker sind immer wieder interessiert und neugierig, was den Blues betrifft. Viele kennen das nicht. Viele fragen mich da auch, wie das geht. Was heutzutage so gejammt wird, ist oft für mich, nicht negativ abwertend gemeint, Gedudel. Jeder spielt für sich hin, aber irgendwie spielen sie doch alle zusammen. Das hat natürlich mit Blues überhaupt nichts zu tun. Aber es macht mir auch Freude, da mitzumachen und ein paar Solos zu spielen. Oder auch mal zu zeigen, guck mal, so gehen Lieder. Ihr könnt mit mir spielen, wenn ihr wollt. Da haben die auch Spaß dran. Ich würde mir wünschen, dass sich wieder mehr Leute dem Blues zuwenden, weil er ist wirklich ein Lebensgefühl und dass mehr Konzerte stattfinden. Nicht nur Jam-Sessions, sondern wirklich Blueskonzerte von Bluesbands.

Wenn du jungen Musiker*innen was mit auf den Weg geben könntest, was wäre es?

Spielt viel live und spielt viel zusammen. Haltet es einfach und habt Spaß an der Musik und daran, mit anderen Musikern zusammen zu spielen. Was natürlich ganz wichtig ist, ist die Interaktion mit dem Publikum. Dass das Publikum wirklich auch fühlt, das ist ehrliche Musik, das ist echte Musik und die Musiker haben vor allen Dingen Spaß daran. Das Publikum zu erfreuen und die Leute glücklich zu machen, ist für mich das Allerhöchste.

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