Ein Mann steht auf einem Feld mit Schneehaufen
© bleac
Ein Mann steht auf einem Feld mit Schneehaufen
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bleac (bürg.: Joel Schwander) ist Musiker aus Berlin und in den letzten Jahren vorrangig als Produzent aktiv gewesen. Unter anderem arbeitete er an Edwin Rosens „Die Sterne“-EP und konnte sich bereits einen Namen in der Berliner Untergrund-Szene machen. Außerdem hat er ein Kollektiv gegründet, Musik für diverse Theaterstücke produziert und das Sound-Design großer Firmen gestaltet.

Nun tritt der gebürtige Frankfurter erstmals selbst in den Vordergrund mit seiner neuen EP „roller coaster pass out comp vol 1“. Im Interview erzählt bleac über seine musikalischen Anfänge, warum Berlin kein Haifischbecken ist, und wie sein erstes Release entstanden ist.

Von Louis Ratzenberger


Wie hat es bei dir mit der Musik angefangen?

Meine Eltern waren sehr musikbegeistert, und meine Mutter hatte mich damals zum Gitarrenunterricht gebracht. Das hat lange gedauert, bis es wirklich Spaß gemacht hat, aber mit 11 oder 12 kam der Klick. Ich hab dann schnell Leute gefunden, die auch Bock hatten, war in mehreren Bands, habe selbst viel live gespielt und früh gelernt, Shows zu organisieren. Mich hat nicht nur das Musikmachen selbst gepackt, sondern alles drumherum: Auftritte, Visuals, Artwork, Worldbuilding. Mit Laptop und GarageBand kam dann noch die Produktionsseite dazu. Ab da war klar: Das will ich machen.

Du standest also schon seit jungen Jahren auf der Bühne?

Ja, genau. Mein bester Freund zu der Zeit und ich hatten genau die selbe Vorstellung von der Sache. Wir haben es sehr ernst genommen, vielleicht zu ernst. Doch genau dadurch konnten wir schon mit 14 jede Menge Gigs im Jahr spielen. Das war dann hauptsächlich in Frankfurt. Etwas später auch außerhalb, wie zum Beispiel in Berlin.

War der Auftritt in Berlin der ausschlaggebende Punkt, warum du dorthin gezogen bist?

Es hat auf jeden Fall den ersten Gedanken in mir gepflanzt. Die Shows in Berlin haben sich riesig angefühlt. Ich weiß noch, wie wir nach einer Show 100 Euro bekommen haben und uns dachten, wie krass das alles ist. Das war mit 16.

Wirklich entschieden hast du dich aber erst später?

Nach der Schule habe ich viel Zeit dort verbracht. Wir sind fast jedes Wochenende nach Berlin. Ich wollte unbedingt mit Musik anfangen, doch wusste nicht, wie. In Berlin habe ich dann ein, zwei Leute kennengelernt. Ich war davon fasziniert, wie diese ihr Leben leben und habe durch sie das Gefühl bekommen, dass ich auch dort hin muss. „Irgendwie wird das schon klappen“, dachte ich mir. Ich habe mich dann einfach in diese Situation geworfen und bin hingezogen.

Wie nimmst du Berlins Kreativszene wahr? Ist es für dich eher eine Inspiration, oder ein Haifischbecken?

Für mich ist es eher Inspiration. Viele sagen „Haifischbecken“, aber das sind oft Leute, die nicht dort leben. Für mich war genau diese Dichte an kreativen Menschen der Reiz. Ich brauche das Umfeld, in dem viel passiert. Dennoch habe ich eine Hassliebe zu Berlin. Es gibt Phasen, wo es anstrengend ist. Aber gerade motiviert es mich sehr. Viele Leute aus meinem Umfeld entwickeln sich parallel und ich arbeite viel mit Freunden zusammen.

Ist die Kreativszene Berlins mit der von Frankfurt vergleichbar?

Schwer zu sagen. Frankfurt hat starke Community-Strukturen und viel Herz, während In Berlin das Ganze größer gedacht und weniger Community-getrieben ist. Das kann auch nerven, aber beides hat seinen Wert.

Du bist ebenfalls Mitgründer des Künstlerkollektivs „Emotion Power House“. Wie ist das entstanden?

Die Idee kam aus unserem Freundeskreis. Gemeinsam mit zwei engen Freunden haben wir sie angestoßen. Mein Freund Anton hat es dann konkret aufgebaut. Das war dieser Spirit von: Leute haben Ideen und jemand sagt einfach: Wir machen jetzt.

Was war der Kern-Gedanke?

Alles, worauf wir schon als Jugendliche Lust hatten: Partys planen, Ausstellungen organisieren, Artists zusammenbringen und fördern und gemeinsames Worldbuilding. Es sollte einfach ein Allrounder-Ding werden. Inzwischen wächst das Kollektiv, bekommt mehr Formate und fängt gerade erst wirklich an, sich zu definieren.

Hast du Angst, dass das Kollektiv größer wird als deine eigene Marke?

Nein, gar nicht. Ich find es eher gut, wenn alles zusammen wächst. Außerdem arbeite ich gerne als Produzent im Background und helfe anderen bei ihren Projekten. Ich habe nicht den starken Drang, immer selbst ganz vorne zu stehen.

Du bist nun seit vielen Jahren als Produzent im Hintergrund aktiv. Am letzten Freitag (06.02.2026) kam nun endlich dein erstes Solo-Release „roller coaster pass out comp vol 1“. Was geht gerade in dir vor?

Ich kenne Releases sonst aus Produzentensicht. Jetzt selbst vorne zu stehen ist intensiv, doch es fühlt sich sehr gut an. Das Album lag ein Jahr fertig da, und ich war die ganze Zeit überzeugt davon. Zu keiner Zeit kamen irgendwelche Zweifel auf, ob ich noch hinter dem Projekt stehe. Und ich kenne das. Jeder, den ich kenne, struggelt damit. Man hat ein fertiges Projekt, und ein Jahr liegt es wegen Verhandlungen mit dem Label oder anderen Dingen nur rum, bis man es dann selbst wieder kacke findet.

Ist die EP in einer bestimmten Lebensphase entstanden?

Ich hatte schon immer im Kopf, dass ich das machen will. Eigentlich hatte ich schon über die letzten drei Jahre immer mal wieder was gemacht. Seltsamerweise hatte ich dann letzten April den ganzen Monat über frei. Sowas passiert eigentlich nie, denn ich bin ständig in anderen Projekten involviert. Es lagen also bereits schon ein paar Sachen rum und ich hatte einfach Lust, für mich Musik zu machen. Im Endeffekt waren es zwei manische Wochen, in denen ich jeden Tag zwölf Stunden im Studio gechillt und mit fast niemanden geredet habe.

Gab es während der Entstehung Schwierigkeiten?

Es war schon eine Challenge für mich, die Musik alleine zu bewerten, da ich es normalerweise gewohnt bin, ständig im Austausch mit anderen Produzenten zu sein. Das wollte ich zwar genauso, doch es kann ohne Feedback schon schwer sein. Nachdem ich aber den ersten Song hatte, war für mich klar, wie das Projekt klingen soll. Von da an lief der Rest von selbst.

Warum ausgerechnet dieser Titel?

Um ehrlich zu sein kommt der Name von alten YouTube-Compilations mit Achterbahn- Ohnmachten, die meine Freunde und ich damals aus Witz geguckt haben. Ich habe mir damals geschworen, dass ich mein erstes Solo-Release so nennen werde.

Dennoch wirkt der Titel wild, die Musik eher intim. War das ein bewusst gewählter Kontrast?

Für mich entsteht da kein Gegensatz. Viel eher ist der Titel für mich ein Lebensgefühl, welches sich in der Musik widerspiegelt. „Pass Out“ beschreibt für mich einen Zustand von Taubheit, aus dem wieder etwas Neues, Buntes entstehen kann. Vielleicht wird das sogar eine Reihe.

War das Projekt gezielt für bestimmte Hörer gedacht?

Nicht konkret. Ich wollte ein inneres Gefühl ehrlich musikalisch übersetzen. Wenn sich Leute darin wiederfinden, ist das das Beste für mich.

Was steht dieses Jahr noch an?

Letztes Jahr war ich viel mit Donkey Kid in England. Dieses Jahr planen wir, länger dort zu bleiben und mit anderen Musikern zu connecten. Generell habe ich wieder richtig Lust, um die Welt zu reisen und mit Leuten vor Ort Musik zu machen und mehr zu kollaborieren.

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