schwarz-weiß Portrait von Maryam Zaree
Maryam Zaree © Martin Kraft (photo.martinkraft.com), Lizenz: CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
schwarz-weiß Portrait von Maryam Zaree
Maryam Zaree © Martin Kraft (photo.martinkraft.com), Lizenz: CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Maryam Zaree ist Filmschaffende und Schauspielerin. Geboren im Iran, aufgewachsen in Frankfurt am Main, lebt sie heute in Berlin. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Arbeit als Schauspielerin, etwa in der Serie 4 Blocks oder durch ihren Dokumentarfilm Born in Evin.

Im Sommer 2026 dreht Zaree in Frankfurt am Main ihr fiktionales Debüt Opfer. Der Film ist Anfang der 1990er-Jahre angesiedelt und erzählt aus der Perspektive Jugendlicher von Zugehörigkeit, Freundschaft und Ausgrenzung in einer Zeit, die von politischen Umbrüchen und rassistischer Gewalt geprägt ist.

Im Interview spricht Maryam Zaree über ihren Weg zum Film, Erinnerungskultur, Verantwortung im Erzählen und darüber, warum Kunst nicht didaktisch sein muss, um politisch zu sein.

Von Timas Deppert und Siene Karim


Wenn du jemandem begegnest, der dich und deine Arbeit noch nicht kennt: Welche Themen ziehen sich durch dein Leben und dein Erzählen?

Wenn ich mir meine Arbeiten anschaue: das Theaterstück Kluge Gefühle, Born in Evin, Projekte, bei denen ich für andere Regie oder Dramaturgie gemacht habe, und jetzt Opfer, dann gibt es ein durchgehendes Motiv: die Frage, wie sich Gegenwart zu Vergangenheit und Erinnerung verhält. Mich beschäftigt sehr, wie wir in Deutschland mit Erinnerungskultur umgehen. Wer erinnert an wen? Welche Erinnerungen gelten als bedeutsam, welche als zweitrangig? Und wer ist überhaupt Teil dieser Erinnerung? Oft ist Erinnerungskultur hier stark aus der Perspektive von Täterinnen, Mitläuferinnen oder deren Nachkommen gedacht. Gleichzeitig leben viele Menschen in dieser Gesellschaft mit ganz anderen Herkunftsgeschichten. Wie gehen wir mit deren Erinnerungen um? Darf es eine Gleichzeitigkeit von Erinnerungen geben? Es gibt ja nicht die eine deutsche Erinnerung. Diese Fragen haben sicher mit meiner eigenen Biografie zu tun, mit dem iranischen Hintergrund, der Verfolgungsgeschichte meiner Eltern, aber auch mit meinem Stiefvater, der deutscher Jude ist und der einzige Überlebende seiner Familie. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin so etwas wie eine Synthese aus beidem. Irgendwo dazwischen.

Wie bist du überhaupt zum Film und zum Schauspiel gekommen? Gab es einen konkreten Auslöser oder eher einen Prozess?

Als kleines Kind wollte ich tatsächlich schon Schauspielerin werden, aus heute vielleicht etwas merkwürdig wirkenden Motiven. Rückblickend hatte das viel mit der Frage zu tun, vorzukommen, gesehen zu werden, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Ich habe früh Schultheater gespielt. Wirklich entscheidend war aber eine Person in meinem Leben: ein älterer Mann, ursprünglich Schauspieler, später politischer Aktivist und Pädagoge. Er hat mir gezeigt, dass sich politisches Denken und Theater nicht ausschließen. Das war ein Schlüsselmoment für mich. Ich komme aus einer eher akademisch geprägten Familie, in der eine „anständige“ Laufbahn lange als Ideal galt. Kunst war eher etwas, das man sich leistet, wenn alles andere erledigt ist. Durch ihn habe ich verstanden: Das, was mich interessiert, kann politisch sein und künstlerisch zugleich. Er ist bis heute ein enger Wegbegleiter und ein Teil dessen, was mich beschäftigt, ist auch ihm gewidmet.

Gab es künstlerische Vorbilder oder Filme, die dich früh geprägt haben?

Am Anfang war das alles sehr unbewusst. Ich habe extrem viel Fernsehen geschaut, amerikanische Serien der 90er-Jahre wie The Fresh Prince of Bel-Air, The Cosby Show, Full House oder Beverly Hills, 90210. Später kam das Kino dieser Zeit dazu, etwa mit Robin Williams, sehr humanistisch, sehr emotional. Der eigentliche Bruch kam mit 15 oder 16, als ich Arthouse-Kino entdeckt habe: Lars von Trier, David Lynch. Plötzlich habe ich Filme gesehen, die keiner klassischen Hollywood- Dramaturgie folgten. Das war komplett mind-blowing.

Du hast an der Filmuniversität Babelsberg Schauspiel studiert. Was hast du dort über dich gelernt – künstlerisch und persönlich?

Das lässt sich kaum trennen. Schauspiel ist so sehr an Körper, Stimme und Wahrnehmung gebunden, dass das Handwerk immer auch ein Prozess des Bewusstwerdens ist. Am Anfang spielt man sehr intuitiv. Mit der Zeit beginnt man zu verstehen: Wie stehe ich? Wie atme ich? Wie spreche ich? Wie gehe ich in Beziehung zu anderen? Das ist eine Art Dekonstruktion von allem Unbewussten. Man lernt nicht neu zu sprechen oder zu laufen, sondern bringt Bewusstsein hinein, um dann jemand anderes spielen zu können. Dazu kommt diese extreme Gemeinschaft. Von morgens bis abends zusammen, körperlich, emotional, mit viel Nähe und viel Überwindung von Scham. Diese Zeit ist kaum mit anderen Studiengängen vergleichbar, weil sie so intensiv und so persönlich ist.

Viele deiner Arbeiten bewegen sich zwischen persönlicher Erfahrung, gesellschaftlicher Realität und politischem Kontext. Wie bewusst ist diese Haltung entstanden?

Rollenwahl ist schwierig zu sagen, weil ich irgendwann aufgehört habe, Rollen auszuwählen, ich sage eher ab. Rückblickend würde ich aber sagen: Ich komme aus einer Zeit, in der es kaum Angebote für migrantische Figuren gab. Und wenn es sie gab, waren sie oft problematisch erzählt. Da war es mir früh wichtig, sehr genau hinzuschauen: Welche Perspektiven werden reproduziert? Wen setzt man ins Zentrum? Inzwischen hat sich gesellschaftlich etwas verändert – nicht genug, aber spürbar. Trotzdem bleibt für mich entscheidend, nur Dinge zu machen, die ich vertreten kann.

 

Mit Born in Evin hast du deine eigene Geschichte ins Zentrum gestellt. Was hat diese Arbeit verändert?

Interessanterweise ging es dabei gar nicht um eine Zentrierung meiner selbst. Das Persönliche war eher ein Zugang, um etwas Kollektives zu erzählen – über eine Generation, über viele Geschichten, die sonst nicht erzählt werden. In Iran gibt es eine andauernde Gewaltherrschaft, die Erzählen oft verhindert. Born in Evin war der Versuch, ein Mosaik aus Stimmen zu finden. Das Subjektive ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Strukturen sichtbar zu machen.

Welche Verantwortung, aber auch welche Freiheit, siehst du in Kunst und Film, wenn es um Themen wie Trauma und Erinnerung geht?

Das Tolle an Kunst ist: Man darf erst einmal alles erzählen, wie man will. Niemand muss sich mit diesen Themen beschäftigen. Es gibt genauso Raum für Leichtigkeit oder reine Poesie. Aber wenn man sich mit Gewalt, Trauma oder realer Geschichte auseinandersetzt, entsteht eine andere Verantwortung. Alles ist politisch: Wen setze ich ins Zentrum? Was reproduziere ich? Warum erzähle ich etwas? Gerade bei Filmen, die sich auf reale historische Ereignisse beziehen, auch wenn sie fiktional sind, braucht es Genauigkeit, Recherche und ein Bewusstsein für die eigenen Motive.

Dein neuer Film Opfer spielt im Frankfurt der frühen 1990er-Jahre. Warum dieser Moment?

1993 war ein historischer Wendepunkt: Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es das Narrativ vom „Sieg“ des Kapitalismus, gleichzeitig aber massive rechte Gewalt in Deutschland. Der Film spielt zur Zeit von Solingen, nach einer Reihe rassistischer Anschläge. Gleichzeitig begann der Balkankrieg: der erste Krieg auf europäischem Boden seit 1945. Mich interessiert auch die Frage nach historischer Kontinuität. Die Vorstellung, dass mit 1945 alles vorbei war, ist eine Selbsterzählung, die Ereignisse wie Solingen widerlegen. Frankfurt war damals schon eine Stadt mit über 50 Prozent Einwanderung. Unterschiedliche Erinnerungen prallten aufeinander. Diese großen Fragen wollte ich über eine Schulklasse erzählen – über junge, scheinbar naive Perspektiven.

Was wünschst du dir, dass Zuschauer*innen, gerade heute, aus Opfer mitnehmen?

Der Titel ist bewusst polemisch. Wer ist Opfer? Wer will Opfer sein? Und wer wird zum Täter? Ich glaube, solange wir nicht anerkennen, dass wir zu allem fähig sind: zu Solidarität, aber auch zu Verrat und Gewalt, kommen wir nicht weiter. Es geht mir um einen Humanismus, der nicht bequem ist. Nicht um Moral, sondern um Ethik: Was bedeutet es wirklich, füreinander einzustehen?

Wenn du auf deinen bisherigen Weg blickst, was würdest du deinem jüngeren Ich oder jungen Kulturschaffenden mitgeben?

Nicht so viel Wert darauflegen, was andere denken. Diese permanente Angst, wie man gesehen wird, macht handlungsunfähig, gerade heute. Man muss Dinge ausprobieren dürfen, Fehler machen dürfen, scheitern. Wenn man ständig nur prüft, ob man auf der richtigen Seite steht oder wie man gelesen werden könnte, lähmt das. Und dann entsteht am Ende gar nichts Neues.

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