

Carsten Piwko lebte in seiner Jugend in Wacken. Heute ist er 46 Jahre alt und führt seit er 30 ist die Live Music Hall in Mörlenbach – einen musikgestützten, gemeinnützigen Kulturverein mit einer Vorgeschichte von 18 Jahren. In der Odenwälder Eventlocation finden wöchentlich Konzerte und Veranstaltungen mit Bands aus der ganzen Welt statt.
Von Liliana Diesterweg
Du kommst aus Wacken. Wie hast du deine Jugend dort erlebt?
Ich bin in Hamburg geboren. Mit sechs Jahren, 1985, sind wir nach Wacken gezogen, da gab es das Festival auch noch gar nicht. Mit 13 war ich dann zum ersten Mal da und mit 15 durfte ich anfangen, Flyer auf Festivals zu verteilen. Wir wurden als Dorfjugend integriert und haben Werbung gemacht, Dixis sauber gemacht und alles, was so anfiel. Ich war von klein auf auch in so einem kleinen Liveclub, den sie noch nebenbei hatten, dabei. Später bin ich als Stage Hand weitergereicht worden. Das heißt, ich bin vermietet worden für andere Produktionen. Wir haben bei einem Zirkus, auf- und abgebaut, Festivals organisiert und Bühnen gebaut. Bei den Onkelz war ich mit auf Tour, zwei Wochen lang mit neun Shows und habe tierisch was erlebt. Ich war auf allen großen europäischen Festivals unterwegs. Mit 18 wurde ich als Fahrer im Band Shuttle eingesetzt und durfte die Bands von A nach B fahren. Das habe ich ein Jahr lang gemacht und dann auch übernommen. Schon ziemlich schnell habe ich Flugpläne gekriegt und acht Fahrer unter mir gehabt, die ich durch die Gegend geschickt habe.
Weil verlangt wurde, dass ich mich damit selbstständig mache, ich das aber nicht wollte, bin ich entlassen worden. Ich war 19 und hatte von Selbstständigkeit keine Ahnung. Heute habe ich fünf Gewerbescheine, aber als kleiner Dorfjunge war das für mich zu groß. Damals habe ich der Mutter von Holger Hübner, dem großen Macher vom Wacken Open Air, sonntags die Bild-Zeitung gebracht. Man hat sich gekannt, das war ein Dorf und trotzdem haben sie mich von jetzt auf gleich rausgeschmissen. Ein Jahr danach bin ich weggezogen. Irgendwie habe ich hier im Süden Leute kennengelernt und bin Holterdipolter abgehauen. Das war meine Jugend in Wacken im Schnelldurchlauf.
Wie bist du jetzt zu deiner Veranstaltungslocation gekommen?
Man kommt aus Wacken, man ist voll involviert und hat auf den großen Bühnen gestanden. Als Head-Banger warst du voll dabei. Das war immer ein Traum, selber mal eine Veranstaltung zu machen, Bands einzuladen oder mit ihnen zu touren. Das sind alles Stars gewesen. Heute weißt du: Es ist nicht so, dass die Stars alle toll sind, aber das sieht man hinter den Kulissen nach all den Jahren. Diesen Club hier gab es schon damals, da war ich jedes zweite Wochenende. Der Besitzer ist irgendwann abgehauen und dann war dieser Club frei. Der Vermieter wollte mich da erst nicht haben. Er hat gesagt, so einen Headbanger will er nicht, er braucht etwas Seriöses. Später durfte ich dann doch anfangen mit den ersten Shows. Das war ein Spaß, aber schnell wurde es ernster und wir haben uns an die großen Veranstalter gewandt. Mittlerweile ist der größte mein bester Freund und dann ging es los, dass er eine Show nach der anderen organisiert hat und wir daran gewachsen sind. Nach circa acht Jahren haben wir einen Schritt gewagt, mit Lightlinern angefangen, größere Tourneen gebucht und uns mit diesem 200-Mann-Club, was ja echt ein Witz ist, etabliert. Unser Familiendenken, unser herzliches Miteinander und das Soziale sind hier ganz groß. Hier kocht noch der Chef selbst. Das hat sich rumgesprochen, andere Veranstalter kamen dazu und einige Bands sind mittlerweile zum dritten Mal hier. Das ist dann einfach explodiert. Weil die Inflation auch vor Jahren schon losging und Corona hart war, waren das natürlich alles krasse Jahre. Ich habe immer wieder Kredite geholt, es war heftig. Letztes Jahr war klar, es geht nicht mehr. Aufhören wollte ich aber nicht und hatte gedacht, das muss doch irgendwie noch ein bisschen Bestand haben. Deswegen habe ich mir überlegt, wir könnten ja einen Verein gründen. Das haben wir auch realisiert, uns mit acht Mann zusammengetan und den Laden gerettet. Mit Spendengeldern und Mitgliedern, dass das auch steuerbefreit ist, um da ein neues Feld aufzumachen.
Das hat eigentlich relativ gut funktioniert. Der Laden ist bekannt, wir haben dann innerhalb von vier Wochen gleich 100 Mitglieder gehabt, die jeder zwischen 60 und 300 Euro im Jahr dalassen. Wir haben uns auch gut modernisieren können. Jetzt müssen wir das einfach nochmal neu angehen. Ich wollte schon fünf mal aufhören, weil es eigentlich so heftig ist. Jetzt haben wir den Verein daraus gemacht, weil es anders finanziell nicht mehr ging. Das geht anderen Clubs genauso, die kleinen sterben alle weg. Mit einem Dorfclub musst du jede Woche ein anderes Programm machen, immer wieder neu und anders werben. Du musst verschiedene Leute abholen, deswegen die Vielfalt. Verschiedenes Zeug kostet Geld, weil die Werbung dementsprechend sein muss. Du musst die Leute immer wieder auffordern zu kommen, sie zuschießen mit Werbung, Plakaten und Flyern. Du brauchst Personal, das den Kram verteilt und sich an Social Media setzt. Das decken wir mit dem Verein jetzt relativ gut ab. Wir haben einen Social-Media-Mann, der ehrenamtlich da ist und eine IT-lerin und so weiter. So kann man das natürlich aufteilen, ehrenamtlich kannst du viel sparen.
Arbeiten dort viele ehrenamtlich?
Natürlich, der Vorstand darf kein Geld verdienen in einem gemeinnützigen Verein. Du kannst Leute anstellen, aber der Vorstand nichts. Wir dürfen uns nur eine Pauschale von 80 Euro im Jahr aus der Kasse nehmen. Dementsprechend müssen wir auch Veranstaltungen mit freiem Eintritt haben, damit jeder aus der Gesellschaft jede Art von Kultur nutzen kann. Als gemeinnütziger Verein müssen wir den Leuten aus jeder Schicht die Möglichkeit geben, dabei zu sein.
Wie wählt ihr die Bands aus? Geht ihr auf sie zu oder andersherum?
Es gibt alle Konstellationen. Am Anfang vor 17 Jahren, haben wir sie angefragt. Wenn der Club dann größer und besser ist und die Bands wissen, dass es da abgeht und die Zahlen stimmen, gibt es Door Deals. Die Gagen sind dann nur für die Kostendeckung auf beiden Seiten da. Danach wird prozentual geteilt. Mittlerweile habe ich aber keine Kapazitäten mehr. Es gibt auch große Bands, denen ich vor zehn Jahren, als sie noch nicht groß waren, 1500 Euro bezahlt habe und jetzt unbedingt hier spielen wollen. Das sind dann 50:50 Door Deals. Wir teilen alles halbe halbe, sie bringen auch andere Bands mit und ich versorge sie für meinen Beitrag. Ich mache das Catering und zahle die Unkosten für Techniker. Die kümmern sich um das Spilling, also die Bands, das Equipment, alles, was auf der Bühne ist. So ist es mittlerweile normal.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus bei dir?
Wir arbeiten drei bis fünf Monate vor den Shows schon im Büro und klären alles Vertragliche mit den Bookern. Einen Tag vor der Show fangen wir an mit dem Einkauf. Es gibt dann technische Rider sowie Catering-Rider. Für die Hostility schreiben die Bands ihre Anforderungen auf: Techniker, Catering und was sie so brauchen. Ich mache eine Liste, fahre los und kaufe alles. Wir müssen vorher noch aufräumen, putzen, den Laden herrichten. Am Tresen macht die Crew alles selbst, ich bestelle dafür nur die Ware. Die Bands kommen immer zwischen 12:00 und 15:00 Uhr. Bei einer normalen Produktion mit dörflichen Bands, die nur Instrumente und Boxen mitbringen, fangen wir um 15:00 Uhr an und sind um 18:00 Uhr fertig mit den Soundchecks. Wenn wir Tourneen mit großen Produktionen haben, bei denen dementsprechend aufgefahren wird, mit extra Licht, Bannern und Sets, kommen sie spätestens um 13:00 Uhr. Dafür bereiten wir Sandwiches, Obstkörbe, Süßigkeiten und so weiter vor.
Dann macht der Techniker mit den Bands sein Ding. Ich mache die Band Care und das Catering, mit dem wir gegen 15:30 Uhr beginnen. Da habe ich einen Kollegen seit zwei Jahren ehrenamtlich dabei. Wir richten uns natürlich nach den Ansprüchen der Bands, aber es wird immer dasselbe gekocht, damit es eine Dauerqualität hat. Um sechs gibt es meistens Essen. Danach loggen sich Crew, Tresenbedienung und die Kassenfrau ein. Bei Standard Shows ist um 19:00 Uhr Einlass und um 20:00 Uhr Start. Wenn es losgeht, sitze ich am Lichtpult und mache den Lichttechniker. Meist geht das bis 11:30 Uhr. Um 01:00 Uhr ist der Laden wieder leer. Die Bands bauen ab, beladen den Bus und fahren meistens erst morgens zur nächsten Location.
Also bist du ein Allrounder.
Ich könnte alles alleine machen, wenn ich 17 Arme hätte. Ich habe den Laden aufgebaut, ich habe ihn geführt, der hat mein Herz, mein Gesicht, meinen Kopf. Es ist alles ich. Das läuft alles bei mir zusammen.
Was war das beste Erlebnis bei deiner Arbeit?
Bei uns war eine US-Band aus Kalifornien: Six Feet Under. Das war damals meine Lieblingsband. Diese Band hat dann tatsächlich irgendwann den Vertrag bei mir unterschrieben. Mein Kumpel hat das an Land gezogen. Der Sänger Chris Barnes ist Cannabis-Verfechter. Er sagt, das sei die Heilung der Welt. “Hört auf zu rauchen, ihr müsst nur jede Menge Weed rauchen“. Ich dachte natürlich, ich muss ihm jetzt eine Tüte bauen, ist klar. Ich habe ihm dann eine gebaut und war sehr nervös. Als ich später in diesem Tourbus war, wollte er aber nicht und ich wurde immer wieder zurückgeschickt. Ich hatte Herzrasen. Erst durfte ich nicht rein, ihm ging es nicht so gut. Später kam aber der Tourmanager zu mir und sagte: „Meinst du, es ist möglich, dass Chris Barnes mit dir mal aufs Klo könnte? „Alles gut, kein Problem.“ Danach kam er noch runter, ich habe ihm die Hand gereicht und wir haben ein bisschen geredet, es war unglaublich für mich. Wir haben auch noch Fotos gemacht und dann ist er wieder zum Bus gegangen und meinte: “Wir sehen uns nachher nochmal.” „We want to smoke some weed.” Alles klar, habe ich verstanden. Ich habe seine Tüte genommen und bin kurz vor dem Einlass nochmal hin. Er hat an der Tüte gerochen und mich richtig übel angeschrien, dass da Tabak drin wäre, das ginge ja gar nicht. Er hat mir einen Riesenvortrag gehalten, mich aus dem Bus geschmissen und gesagt: “komm wieder, wenn du geiles Zeug hast”. Natürlich bin ich zurück in meine Wohnung gegangen und habe eine neue Tüte gebaut, ohne Tabak. Nur für den Star. Danach bin ich wieder in den Bus gestiegen, wir haben gemütlich diese Tüte geraucht und ich hatte das tollste Erlebnis meines Lebens.
Machst du selbst Musik?
Leider nicht. Ich habe mal Schlagzeug gespielt, aber weil ich nicht konsequent genug war, habe ich das an den Nagel gehängt und mich lieber ans Management gehalten. Natürlich würde ich mich da nochmal ransetzen, aber dafür habe ich keine Ruhe. Ich kann auch gar nicht mehr normal auf ein Konzert gehen, da ich eher auf die Lampen, das Equipment und den Bühnenbau gucke. Als Fachmann kann ich das nicht mehr genießen. Festivals gehen noch, aber auf Konzerte oder in einen anderen Club zu gehen, ist schwierig. Du vergleichst immer viel. Wir sind irgendwie dem Business verfallen, leider.
Wirst du diesen Job für immer machen wollen?
Ne, ich brauche eine Pause. Klar, ich kann das gut, aber es ist sehr anstrengend. Natürlich wäre es einfacher, wenn ich mehr Leute hätte, die mir helfen, aber jetzt muss ich erstmal den Laden wieder aufbauen.
Was ist das Beste an deinem Job?
Es ist sehr interessant, weil man jede Woche neue Leute kennenlernt. Das, was ich über Menschenkenntnis und Charaktere gelernt habe, nimmt mir keiner mehr. Das kann sich keiner vorstellen, der zum Beispiel einen Fließbandjob hat. Der Querschnitt der Menschheit hier ist brutal. Bei Geburtstagsfeiern und Hochzeiten, die ich gemacht habe, hast du so viele verschiedene Menschen um dich herum und auch manche, mit denen du überhaupt nicht klar kommst. Hier sind aber auch Top Freundschaften entstanden. Menschlich gesehen ist das eine ganz tolle Sache hier.
