

Die Musik von Absteige wandelt von Song zu Song in ihren Genres. Beständig bleiben jedoch das düstere Soundbild sowie durchweg emotionale Texte. Ein Interview über queere und weibliche Stimmen in der Musiklandschaft, Verletzlichkeit und welche Rolle das Internet spielt, wenn man in einem Dorf fernab von Subkultur aufwächst.
Von Ellie Brandt
Wie würdest du dich selbst beschreiben – als Mensch und als Künstler:in?
Das ist eine sehr schwierige Frage gleich zum Anfang. Ich glaube, dass ich alles, was ich über mich sagen würde, genauso über meine Musik sagen würde und umgekehrt. Ich bin eine unbeständige, chaotische Persönlichkeit, die nie viel Zeit mit derselben Sache verbringt. Ich gehe mit meiner Musik ebenfalls sehr chaotisch um. Manchmal fällt es mir schwer, das Chaos in meinem Leben irgendwie zu ordnen und in den Griff zu bekommen. Deshalb habe ich auch im letzten Jahr nur zwei Songs veröffentlichen können – aus dem Grund, dass ich mich sowohl künstlerisch als auch menschlich immer noch in einer totalen Findungsphase befinde. Ich hoffe aber, dass sich das zumindest künstlerisch bald legt und ich wieder regelmäßig neue Musik veröffentlichen kann.
Was hat dich in deiner Jugend musikalisch und kulturell geprägt?
Ich bin definitiv sehr, sehr online aufgewachsen. Ich komme vom Dorf und bin deshalb quasi ohne Möglichkeit aufgewachsen, im echten Leben an Subkulturen teilzuhaben beziehungsweise diese überhaupt beobachten zu können. Durch das Internet habe ich dann meine Zugehörigkeit in eben diesen gesucht. Musikalische Einflüsse waren dementsprechend auch stark an das Internet gekoppelt. Meine drei größten Einflüsse aus dieser Zeit sind wahrscheinlich Nightcore-Gaming-Mixes, 2000er-Radio-Pop-Punk/„Emo“ und diese „songs that make you feel like you were born in the wrong era“-Playlists auf YouTube, bei denen Leute einfach Hits aus den 80ern und 90ern zusammengeworfen haben. Komplett durcheinandergewürfelt, was das Genre angeht. Im Großen und Ganzen hauptsächlich Wave und Goth.
Deine Musik wird als düster und raw beschrieben – was bedeutet das für dich?
Für mich ist Musik die ultimative Form von Selbstausdruck. All meine Songs spiegeln meine emotionale Lage in verschiedenen Situationen wider. Ich habe große Schwierigkeiten damit, meine Emotionen eindeutig in Worte zu fassen, während ich mich in Situationen befinde, in denen ich überfordert bin. Wenn ich Texte schreibe, merke ich, dass ich oft ganz automatisch genau über diese Situationen schreibe. Deswegen denke ich auch selten stundenlang über meine Texte nach. Entweder fühlt es sich so an, als hätte ich etwas zu sagen oder eben nicht. Das heißt jedoch nicht, dass mir total oft „düster“ zumute ist. Es fällt mir einfach schwerer, über „helle“ Dinge zu schreiben. Wenn es mir gut geht, mache ich in der Regel Musik, die niemand jemals hören wird. Musik, die ich als nicht so ernst betrachte wie die Songs, die ich veröffentlichen will. Aber vielleicht mache ich irgendwann mal eine „Fröhliche-Absteige-Songs“-Sammlung auf SoundCloud oder so.
In deinen Songs geht’s oft um Verletzlichkeit, Wut, Angst. Woher kommt diese Offenheit?
Ich bin eine sehr emotionale Person, und Musik ist für mich ein Mechanismus, diese Emotionen zu verarbeiten. Ich habe meine Emotionen als Kind sehr stark nach außen getragen. Ich kann die Male, in denen ich beispielsweise vor Wut geweint habe, gar nicht zählen. Ich habe mir das dann mit der Zeit versucht abzutrainieren, weil es meine Argumente in der Regel nicht gerade unterstützt hat, aus dem Nichts in Tränen auszubrechen. In meinen Songs bricht dieser Anteil von mir dann manchmal einfach durch die Ritzen – ohne mein bewusstes Zutun. Ich erzähle einfach nur von meinen Gefühlen.
Du schreibst über toxische Beziehungen. Wie politisch sind solche Themen für dich?
Ich glaube, dass toxische Beziehungen in der Gesellschaft oft verherrlicht werden, vor allem auf Social Media. Ich beobachte besonders die Romantisierung von Eifersucht und das Stellen von extremen Besitzansprüchen. „Sarg für zwei“ und „Tanz mit mir“ beispielsweise sind zwei Songs, die sich in der Hauptsache um diese Themen drehen. Ersterer ist eine ironische Darstellung einer prototypischen heterosexuellen Beziehung, in der sich die männliche Person eigentlich nicht auf einer tiefgründigen Ebene mit seiner Partnerin auseinandersetzt, jedoch diesem fehlenden Interesse zum Trotz ein gemeinsames Begräbnis anstrebte. In einer Welt, in der täglich Femizide stattfinden, ist dieser Song also leider bei all der Ironie politisch.
Wie nimmst du als Künstler:in die Rolle von queeren und weiblichen Stimmen in Deutschland wahr?
Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, uns mal so richtig ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu drängen. Ich habe das Gefühl, queere und weibliche Stimmen werden oft als eine Art Gegenentwurf zu männlichen und heteronormativen Stimmen betrachtet. Dabei lässt sich schwer anzweifeln, dass wir dabei sind, mitzuentwickeln, auf neuen Pfaden zu wandeln, die sich ästhetisch vielleicht unterscheiden, aber auf musikalischer Ebene trotz allem in dieselbe Sparte wie ein männliches Äquivalent passen. Queere und weibliche Stimmen waren schon immer entscheidend an der Entwicklung der Musiklandschaft beteiligt. Jetzt gilt es, die Scheinwerfer auf sie zu lenken und nicht immer auf einen Mann, der dasselbe macht wie der, der davor im Rampenlicht stand.
Nimm uns mal durch den Entstehungsprozess eines Songs mit. Gibt es eine Struktur, die immer gleich bleibt?
Immer gleich bleibt, dass bei mir das Instrumental vor dem Text kommt. Und vor dem Instrumental muss die Inspiration kommen. Sobald ich inspiriert bin, setze ich mich an den Computer. Ich fange normalerweise mit Bass oder Drums an und mache davon abhängig, in welche Richtung es im Hinblick auf das Genre gehen soll. Wenn ich das herausgefunden habe, beginne ich, Melodien zu singen oder zu summen und nehme sie auf, bis ich genug Ideen habe, um daraus verschiedene Teile des Instrumentals zu basteln. Dann wandle ich die gesungenen Melodien in mit Instrumenten gespielte Melodien um. Final schreibe ich den Text.
Live oder Recording – wofür brennst du mehr und warum?
Live. Alles ist viel echter. Echte Menschen statt abstrakter Zahlen zu sehen, macht für mich persönlich Musikmachen so besonders. Ich liebe es, meine Energie in einen Auftritt zu investieren und einfach alles rauszulassen. Bei Aufnahmen habe ich einen extremen Hang zum Perfektionismus und strebe nach Dingen, die ich momentan noch nicht erreichen kann. Livemusik hat für mich dahingehend sehr viel mehr Reiz. Ich höre auf, alles zu überdenken, und mache einfach. Außerdem spiele ich jedes Mal ein anderes Set, jedes Mal remixe ich einzelne Songs, damit sie eben nicht so sind wie auf der Aufnahme etc. Das sind alles Möglichkeiten, die man beim Recording einfach nicht hat. Wenn ich jede Liveversion auf Spotify hochladen würde, würde man sich gar nicht mehr zurechtfinden. Manche Versionen habe ich ein Mal gespielt und danach nie wieder. Ich finde, genau dieser Aspekt ist es, was Live für mich zu einer so tollen Erfahrung macht.
Welche Headline willst du in fünf Jahren über Absteige lesen?
„Absteige und Jane Remover/venturing kündigen gemeinsamen Song an.“
