

Wenn man an die Darmstädter Musikszene denkt, kommen sofort viele Namen in den Kopf. Einer, der dabei auf keinen Fall fehlen darf, ist der Name Woog Riots. Seit 2002 ist die Band, deren Namen vom Badesee in Darmstadt stammt, aktiv und bis heute wird fleißig Musik gemacht. Anfangs noch zu fünft, ab 2007 geht es dann für Silvana Battisti und Marc Herbert als Duo weiter. Später gründeten die beiden auch ihre eigene Plattenfirma namens „From Lo-Fi to Disco!“. Der Erfolg der Woog Riots hält seit damals an und mittlerweile wurden viele nationale, aber auch internationale Konzerte gespielt. 2024 veröffentlichten sie ihr bereits siebtes Album namens „Collectors of Pop“ und im vergangenen Jahr erhielten sie den Darmstädter Musikpreis 2025.
In diesem Interview blicken wir noch einmal auf den bisherigen Werdegang der Band zurück. Welche Erfahrungen wurden gemacht und was hat sich über die lange Zeit verändert? Im Gespräch erinnern sich Silvana und Marc an ihre schönsten Auftritte, sprechen über Inspiration und erzählen von Veränderungen in der lokalen Musiklandschaft.
Von Gesa John
Wie seid ihr zur Musik gekommen?
Silvana: Also bei mir war es so, dass ich schon zu Schulzeiten im Chor gesungen habe. Ich habe Gitarre gelernt und war immer schon großer Musikfan. Da habe ich auch sehr früh angefangen, etwas „unnormalere” Musik zu hören, also niemals den Mainstream. Ich fand schon immer kleinere Bands spannend und war besonders Fan von einer amerikanischen Musikerin namens Barbara Manning. Sie habe ich persönlich kennengelernt und bei ihren Konzerten immer davon geträumt, selbst mal auf der Bühne zu stehen. 2002 habe ich dann Marc getroffen, dessen damalige Band Milton Fisher sich gerade aufgelöst hatte. Er hat mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm in einer neuen Band zu singen. Da war ich gleich Feuer und Flamme.
Marc: Ich war auch wie Silvana immer großer Musikfan. Witzigerweise sind wir beide, bevor wir uns eigentlich kannten, schon auf die gleichen Konzerte gegangen. Das war dann vor allem Underground-Nischenmusik und hatte den großen Vorteil, dass das nicht so große Produktionen sind. Die Musik ist eher minimalistisch und man kann genau hören, ob gerade nur eine Gitarre und ein bisschen Schlagzeug gespielt werden. Es wirkt nicht so kompliziert und so kommt man eher auf die Idee, dass man sowas ja auch mal selbst ausprobieren könnte.
Silvana: Auf den Konzerten, die wir besucht haben, sind dann vielleicht zwischen 20 bis maximal 100 Leute hingegangen. Da hast du dann immer die Bands auch kennenlernen können und dieses Nahbare, das fanden wir so toll.
Wie würdet ihr euren Sound jemandem beschreiben, der ihn noch nie gehört hat?
Silvana: Das werden wir sehr oft gefragt und ich sage dann immer, das ist eine wilde Mischung aus, die Beatles treffen auf Kraftwerk. Dann haben wir noch unsere typischen Schrammel-Gitarren dabei, wodurch wir dann das Pop-Element bedienen.
Marc: In unserer Info haben wir mal geschrieben, dass wir so singen, als würden wir bei den Leuten im Wohnzimmer sitzen. Denn wir singen eigentlich so ein bisschen mit unseren Sprechstimmen und klingen dadurch nahbarer.
Silvana: Ich glaube auch, dass wir dadurch mit unserem Sound ein Alleinstellungsmerkmal haben. Deswegen ist es auch immer ganz schwer, Vergleiche zu anderen Bands zu finden. Ein Vergleich, mit dem wir ganz gut leben können, ist eine Berliner Band, die es jetzt leider nicht mehr gibt. Sie nannten sich Stereo Total. Die hatten die gleiche Fröhlichkeit wie wir und haben ihre Songs immer mit so einem kleinen Augenzwinkern geschrieben. Darin waren wir uns sehr ähnlich.
Wie findet ihr Inspiration für neue Songs?
Marc: Da ist der Vorteil, dass wir die Songs zu zweit schreiben. In meiner alten Band habe ich das früher alleine gemacht. Da fand ich es manchmal echt schwierig, vorm leeren Blatt Papier zu sitzen, aber wenn ich das mit Silvana zusammen mache, spielen wir uns einfach die Bälle zu. Zum einen finden wir es dabei wichtig, dass unsere Refrains einen guten Slogan haben. Also wenn uns ein Slogan über den Weg läuft, dann basteln wir da den Rest vom Song drumherum. Ich nenne das immer unsere Bob-Dylan-Phase. Dann habe ich die Akustikgitarre auf dem Schoß, wir schrammeln die Akkorde und singen dazu. Die Texte kommen dann sehr schnell, weil wir uns gut gegenseitig ergänzen.
Silvana: Die Inspiration kommt auch daher, dass wir immer noch rege Musikkonsumenten sind. Das heißt, wir kaufen uns nach wie vor Schallplatten und CDs. Wir sind auch als DJ-Team unterwegs und legen selbst auf. Dann gehen wir schon immer auf unheimlich viele Livekonzerte und auch da bekommen wir Inspiration. Außerdem gibt es manchmal Auftragsarbeiten, bei denen gezielt eine Anfrage gestellt wird und wir uns dann was überlegen.
Marc: Dann interessieren wir uns schon auch sehr für Kunst oder überhaupt Popkultur. Zum Beispiel hat Silvana mal gesagt, ihre Lieblingsmalerin ist Yayoi Kusama. Das ist eine japanische Malerin. Silvana meinte, sie fände es gut, wenn wir über die Malerin einen Song hätten. Also haben wir angefangen, uns einen Refrain zu überlegen, und anhand dessen haben wir weiter gebastelt. Der Startschuss war also einfach zu sagen, sie ist eine gute Malerin, also lass uns mal einen Song über Yayoi Kusama machen.
Seit über zwanzig Jahren macht ihr jetzt schon Musik. Was würdet ihr sagen, wie hat sich eure Musik über die Zeit verändert?
Silvana: Ich kann mich noch an eines unserer ersten Interviews erinnern, da war gerade der Übergang von Marcs alter Band zu der neuen Band. Ich habe damals schon gesagt, wartet mal ab, wir schreiben dann ganz andere Songs. So ist es tatsächlich. Wir waren von Anfang an die Songwriter und haben die Songs schon immer zusammen geschrieben. Und ich glaube, je mehr wir machen, desto mehr entwickeln wir uns mit unserer Musik und unsere Musik sich mit uns. Mittlerweile achten wir aber viel mehr darauf, was wir möchten. Das heißt, jetzt bei den neuen Sachen wollen wir zum Beispiel die Songs noch tanzbarer machen. Einfach, weil wir wahnsinnig gerne tanzen und durchs Tanzen sich auch die Message des Songs besser vermittelt. Beim letzten Album wollten wir dann aber mal ein entspanntes Album und haben alles bewusst sehr langsam gemacht. Also es entwickelt sich immer so, wie wir auch gerade so drauf sind.
Marc: Ich würde sagen, was sich auch geändert hat, ist, dass wir jetzt mehr Kontrolle über alles haben. Am Anfang hatte man halt Leute, die mitgespielt haben, die natürlich ihre eigene Note eingebracht haben. Dadurch, dass wir jetzt bessere Gerätschaften haben und wir alles selbst programmieren, haben wir das besser im Griff. Außerdem hören wir auch alle unsere Platten noch gerne. Wir sind mittlerweile bei Nummer sieben und da ist jetzt keine dabei, bei der wir sagen, das hätten wir besser sein lassen. Denn es hatte alles so seine Berechtigung mit der Zeit.
Gibt es einen Auftritt aus eurer gesamten Karriere, der euch besonders in Erinnerung geblieben ist?
Marc: Wenn man im Ausland spielt, ist es natürlich immer etwas ganz Besonderes. Zum Beispiel als wir das erste Mal in London gespielt haben. Man ist in einer Metropole, fährt mit der U-Bahn herum und denkt, heute Abend sind wir ein kleiner Teil vom Kulturleben in dieser Stadt. Das ist schon toll. Auch als wir in Japan für drei Wochen und fünf Konzerte waren, war das etwas ganz Besonderes. Die Kultur ist ganz fremd und die Schriftzeichen sehen ja auch ganz anders aus.
Silvana: Als wir mal in New York in einem ganz bekannten Anti-Folk-Club gespielt haben, war das auch richtig toll. Denn dort sind Künstler wie Beck oder Adam Green aufgetreten. Das war für uns natürlich schon so ein Ding, dass wir einfach im gleichen Club wie die beiden waren. Wir hatten schon viele schöne Erlebnisse, aber manchmal sind natürlich auch Konzerte dabei, die nicht so toll sind. Da kommen dann vielleicht nur 5 Leute. Aber daraus ergibt sich manchmal etwas ganz anderes. Deswegen hat eigentlich jedes Konzert, das man spielt, egal ob super oder schlecht besucht, immer irgendwie etwas. Und für uns ist es jedes Mal so, dass wir danach sagen, es war jetzt eigentlich total schön, auch wenn es vielleicht mehr Leute hätten sein können.
Wie hat sich die Darmstädter Musikszene eurer Meinung nach im Laufe der Jahre verändert?
Silvana: Die Unterstützung ist leider weniger geworden. Es gibt einen großen Mangel an Proberäumen. Wir hoffen, dass die neue Kulturamtsleitung dem entgegenwirkt, auch wenn sie erst ganz frisch im Amt ist. Wir haben jetzt auch das Pop Netzwerk Darmstadt mitgegründet, bei dem ein Austausch mit allen möglich sein soll. Also nicht nur mit Bands, sondern auch mit Studios, DJs, Veranstaltenden, eben mit allen Menschen, die Musikschaffende sind. Denn wenn man sich zusammenschließt, wird man besser gehört, als wenn jeder nur für sich alleine kämpft. Das unterstützen wir sehr, denn da muss schon noch ein bisschen was passieren.
Marc: Wir gehen auch weiterhin gerne selbst auf Konzerte, auch von Bands in Darmstadt. Über die Jahre ist es schön zu sehen, dass immer wieder Leute beschließen, zusammen Musik zu machen. Deshalb gibt es auch zu wenig Proberäume. Das ist das einzig Positive an der Knappheit. Sie ist entstanden, weil so viele Leute Musik machen wollen.
Welche Unterstützung würdet ihr euch für Musikschaffende in Darmstadt wünschen?
Silvana: Wir würden uns wünschen, dass die Stadt einen Ansprechpartner bekommt, sowas wie einen Pop-Referent. Jemanden, an den man sich gezielt wenden kann, um Proberäume oder jemanden mit einem Studio vermittelt zu bekommen. Eine Anlaufstelle, wie es sie in anderen Bundesländern auch gibt. Da gibt es auch Pop-Büros. Gerade auch für die Jüngeren wäre das nützlich. Denn wir kennen natürlich viele Leute hier, aber die jüngeren Bands sind noch nicht so drin im Business. Da braucht es einfach die Unterstützung von Seiten der Stadt.
Was würdet ihr einer neuen jungen Band aus Darmstadt mit auf den Weg geben?
Silvana: Erstmal fänden wir es total gut, wenn sich da jemand an uns wenden würde, aber uns muss natürlich der Stil der Musik gefallen. Wir würden denjenigen sagen, dass sie auf alle Fälle in ein gutes Studio gehen sollten. Denn sie müssen die Voraussetzung schaffen, dass ihre Musik eine sehr gute Qualität hat. Danach muss man ein Label anschreiben und ganz viel live spielen. Das ist sehr schwierig geworden, aber auch da hilft es oftmals, zu Konzerten von anderen Bands zu gehen und dann Kontakte zu knüpfen. Vielleicht kann man dann mit der anderen Band einen Gig zusammen machen. Auch Plattformen wie Backstage Pro können helfen. Die GEMA und die GVL sind auch ganz wichtig. Es gibt viele Weiterbildungsmöglichkeiten, die die meisten nicht kennen. Da denke ich mal, ist es ganz wichtig, sich die Informationen zu holen. Es gibt viele Darmstädter Labels für größere oder kleinere Genres. Da sind wir relativ gut aufgestellt in Darmstadt und jeder, glaube ich, würde da auch Hilfestellung leisten.
