

Die gemeinsame Listening Session der besonderen Art im HoffART Theater hat inzwischen Kultstatus in Darmstadt erreicht. Eine Reportage von Lea Ries.
Der Innenhof ist in dichten Nebel gehüllt. Es ist 19:45 Uhr. Einige Menschen stehen bereits vor dem alten Theater mitten im tiefsten Martinsviertel. Sie rauchen und reden. Einer von ihnen ist Simon Dörken: Veranstalter der besonderen Platte und Gastgeber des heutigen Abends. „Macht was“, sagt er und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ein Appell an die Darmstädter Kulturszene. „Die Leute sagen, sie können eh nichts an dieser Scheißwelt ändern, aber du kannst was ändern, indem du halt irgendwas machst“, ermuntert er.
Anfangs entstand die Idee der Veranstaltung aus dem Wohnzimmer von Simon heraus. „Wir haben bei mir zu Hause gemeinsam Platten gehört und haben dann gesagt, wir müssen das irgendwie in einem Café oder einer Bar machen“, erinnert er sich. Von da aus führte der Weg ins Hoffart Theater im Martinsviertel. Ihr Vorschlag: Teppiche, Kiffen und Musik hören – die Idee gefiel.
Ins Leben gerufen wurde die Besondere Platte im Januar 2016, als Simon Dörken und Ivo Kohtz begannen, ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Musikhören zu teilen; seither kehrt das Format regelmäßig als Musiklistening-Reihe ins Hoffart Theater zurück. Das Konzept: Zusammensitzen
und Vinylmusik hören. Einmal im Monat verwandelt sich das Hoffart am Freitagabend in einen gemütlichen Raum, in dem man nur dasitzen und zuhören muss. Hierzu wählt Simon meist Gäste aus, auf deren musikalischen Geschmack er vertrauen kann. „Das sind meist Freunde und
Bekannte oder es werden Vorgespräche geführt“, erzählt er. Während Simon sonst durch den Abend gestaltet, erzählen seine Gäste etwas zu ihren Fundstücken. Danach werden die Platten gemeinsam gehört.
Drinnen riecht es nach Sandelholz. Ein warmer erdender Duft, der den Raum einnehmend umhüllt. Auf dem kleinen Tisch ganz hinten im Raum sind Räucherstäbchen sorgfältig auf einem roten Tuch neben Plattenspieler und Soundsystem arrangiert. In dem Licht der Scheinwerfer hat der aromatische Rauch etwas von einem Traum.
Oder vom Bekifftsein – ein Effekt, der wohl dem versponnenen Geist der ursprünglichen Idee der „Besonderen Platte“ geschuldet ist.
Erst gegen 20:00 Uhr und damit kurz vor Beginn der Veranstaltung füllt sich der Raum mit den letzten Gästen. Zu spät kommen scheint kein Problem zu sein. Grundsatz ist: Solange noch Platz da ist. Doch auch das ist relativ. Als Simon beginnt, liegen, sitzen und stehen die Besucher*innen im ganzen Raum. Auf den Teppichen wird es sich mit Kissen gemütlich gemacht und die Tribüne dahinter ist bis ganz nach oben dicht gefüllt. Das Bühnenbild gestaltet sich wie zu Beginn vor 10 Jahren, erzählt Simon zu Anfang. Die Session am Jahresende ist fast schgon ein Brauchtum. Hier stellt Simon seine eigenen Platten vor und feiert somit den traditionellen Jahresabschluss der „Besonderen Platte“. Es sind die schönsten Platten, die er in diesem Jahr gefunden hat. Quasi ein „Wrapped“ im Analogen. Hier sitzt Simon dann ganz alleine vor dem Plattenspieler.
„Für mich ein Holy Grail“
„Ich beginne jetzt einfach, bevor ich mich kaputtlabere“, sagt Simon und leitet damit den Abend ein. Sein erstes Stück: ein Highlight für ihn. Eine Platte dieses Jahres, die Sternbilder musikalisch untermalt. „Für mich ein Holy Grail“, schwärmt er. Dann hören wir rein. Ein starker Einstieg, der den Charakter der „Besonderen Platte“ ziemlich gut zum Ausdruck bringt. Simon findet seine Platten auf drei Kilometer langen Plattenmärkten, beim Warten in verspäteten Bahnen oder in verschiedenen Städten. Jede Platte hat ihre ganz eigene Geschichte.
Oder andersrum. Simons Platten finden tendenziell ihn. Nach teils jahrelangem Suchen erzählt er von besonderen Funden, die ihn durch die verrücktesten Zufälle im Laufe des vergangenen Jahres in die Hände fielen.
Damit die Sessions nicht zu lange gehen, gibt es zwei kurze Pausen. An diesem Abend etwa 10 Minuten. Da treibt es viele wieder nach draußen. So wie Gästin Roza, sie ist heute zum ersten Mal bei der besonderen Platte. Auch sie sieht die Veranstaltung als besonders kulturell wichtig an.

„Solche Veranstaltungen wie die Besondere Platte sind so wichtig für die Darmstädter Kulturszene. Es wird ein Raum des Zusammenkommens eröffnet, das sollte es viel öfter geben.“
Nach der Pause gehen dann das erste Mal kleine bunte Spardosen durch die Menge. Kultur sollte für jeden Geldbeutel zu haben sein – deshalb läuft’s auf Spendenbasis: „Gebt, was ihr könnt“, betont Simon.
„Diese Platte hat mein Leben verändert.“
„Jetzt füttere ich euch mit lustiger Musik“, sagt er dann und sucht in seinem schwarzen Köfferchen nach der nächsten geeigneten Platte. Immer wieder lädt er das Publikum ein, Fragen an ihn zu stellen. Jedoch bleibt dieses eher zurückhaltend. Denn dafür ist Simons Faszination zu ansteckend. Er zeigt keine x-beliebigen Tracks. Es sind Platten jenseits des Mainstreams. Eine, deren Label ein simpler Kopierladen ist, der Cover und Etiketten selbst siebdruckt. Eine andere, die in einem illegalen Club lief und so zu ihm kam. Immer wieder platzt es aus ihm heraus: „Allein der Name ist schon ein Brett!“ Oder: „Diese Platte hat mein Leben verändert.“
Wir hören „Pilzmusik“, French Psychedelic, und zumindest kurz in ein 15 Minuten langes Stück rein. Ein Highlight: Der Titelsong der Sendung mit der Maus im Stil der Darmstädter Band Theodor. Eine Platte in der Form von der Maus und dem Elefanten der Sendung.
Als wir das Hoffart später am Abend verlassen, werfen wir einen Blick zurück: Es ist dunkel, eine Lichterkette wirft ein warmes Licht auf die abstrakte Wandbemalung. Das Hoffart ist ein kleines Theater in seinem ganz eigenen Charme. Seit 1995 beheimatet in einer ehemaligen KFZ-Werkstatt in der Lauteschlägerstraße. Holzfußboden, rote Vorhänge, eine urige kleine Bar. Außerhalb der Platte ist es nicht nur ein Schauspielhaus, sondern ein Kulturraum. Ein sozio-kulturelles Zentrum. Hier gibt es neben Schauspiel auch Konzerte, Lesungen, Malkurse und noch so einiges mehr.
Hier entsteht das Gefühl von richtiger Subkultur. Vielleicht auch ein bisschen beim Geschehen dabei zu sein, ähnlich wie bei der besonderen Platte. Es ist wohl einer dieser Orte, von denen Simon redet, wenn er sagt: „Macht was.“
