

Der ungewöhnliche Second-Hand-Basar im Darmstädter „Zucker“ sprudelt vor Vielfalt und Geschichte. Eine Reportage von Julia Sekler.
Selina dimmt das Licht. „Deutlich besser“, finden einige Gäste. Der Raum wird jetzt nur noch durch ein paar warme Lampen sanft beleuchtet. „Ich schau mal, wie es von außen wirkt, ob das Schaufenster noch gut aussieht“, sagt Selina und huscht nach draußen.
Es ist ein Winterabend in Darmstadt. Selina (26) und Jonna (25) organisieren heute ihr erstes Event, einen Flohmarkt im Martinsviertel. Die beiden haben sich in der Corona-Zeit während des Studiums kennengelernt. „Wir hatten eine Vision, wie der Flohmarkt aussehen soll. Zu sehen, was wir auf die Beine stellen können, das war schön“, erzählt Jonna.
„Auch auf einer größeren Ebene. Ich glaube, viele Leute wünschen sich Sachen. Manchmal kann man das auch einfach umsetzen.“ Der Flohmarkt findet im kultigen Zucker statt, einem kleinen Laden, den man preiswert für Events mieten kann.
Passanten bleiben am ausgeleuchteten Schaufenster stehen. Einzelne Kleidungsstücke sind liebevoll im Fenster des Zuckers ausgehängt. Auf der Fensterbank liegen Fellkissen und Kuscheldecken. Zwei Besucher haben es sich darauf gemütlich gemacht. Die Luft draußen ist kühl. Im Zucker ist es angenehm warm und es duftet nach Glühwein. Für zwei Euro kann man sich den heißen Punsch in einem weißen Pappbecher kaufen. Einige Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen, plaudern und trinken. Andere schauen sich erstmal in dem sechs Quadratmeter großen Laden um.
Die Maske fallen lassen
„Vor einem Monat dachten wir, wir müssten mal was machen in Darmstadt“, erzählt Selina. „Die Idee hatten wir tatsächlich schon länger, eine Art kleines Kollektiv zu gründen“, ergänzt Jonna, „Wir dachten, das passt zu uns und nach Darmstadt.“ Durch die Musikbox läuft Hip Hop von Künstlern wie Lana del Rey oder ASAP Rocky.
Der Laden ist erfüllt von gedämpften Gesprächen und Lachen. Es sind viele junge Leute da, deutsche und englische Wortfetzen schwirren umher. „Das Kollektiv heißt Amor. Unser Slogan ist ‚Where Love Takes Place‘, erklärt Selina. Das war die Idee. Irgendwie einen Ort zu schaffen, an dem sich alle willkommen fühlen.“ Eine Kundin wendet sich an Jonna und Selina.
Die kleinen Lampen an der Decke hüllen die Menschen in ein warmes Licht. Ein großer, roter Perserteppich liegt in der Mitte des Raumes. Neben den Sofas und Sesseln stehen Salzstangen und Nüsse bereit und laden zum Verweilen ein. Die Kundin, die Jonna und Selina angesprochen hat, verabschiedet sich lächelnd.
Für heute ist den Organisatorinnen am wichtigsten, dass sich hier jeder frei ausleben kann: „Hier ist kein Ort, an dem man eine Maske aufhaben muss, um irgendwie cool rüberzukommen. Hier kann man einfach das Zusammensein genießen.“ Der Satz bleibt im Raum stehen und scheint sich im weiteren Verlauf des Abends immer wieder zu bestätigen. Während Selina und Jonna weiter durch die Räumlichkeiten wuseln, strömen immer neue Besucher hinein.
Zwischen den Ständen bleibt eine Besucherin stehen und beginnt zu stöbern. Sie heißt Irene und wohnt in der Straße des Flohmarktes: „Ich bin gerade vorbeigefahren und dachte mir, ich schau mal schnell rein. Das Konzept ist cool. Hier gibt es schöne Sachen“, meint sie, „Es ist toll, dass Second-Hand-Klamotten weiterverkauft und gemeinschaftlich genutzt werden.“ Sie selbst hat auch schon eine Hose zum Anprobieren in der Hand.
Zum Umziehen stehen ein Raumteiler oder die Toilette als Umkleidekabine zur Verfügung. Die Klamotten gehören Selina und Jonna selbst. Auch Theo, der mit einer der Veranstalterinnen zusammenwohnt, hat sich unter die Gäste gemischt: „Man kann hier auch ein bisschen entspannen. Es ist nicht so, dass man hier stöbert und wieder abhaut, sondern es ist ein Ort zum Abhängen. Ziemlich cool also, aber nicht so viele Klamotten für mich leider.“
Die ausgewählten Kleidungsstücke von Jonna und Selina wirken schick und modern. Es hängen viele Teile aus den frühen 2000er Jahren an den Stangen, viele auch mit Pelzoptik. Eine gute Mischung aus High-Quality- und Fast-Fashion-Stücken. Mittlerweile füllt sich die Verkaufsfläche. Die beiden Veranstalterinnen huschen umher.
Der Abend spiegelt die Grundidee des Zuckers wider. Der Raum ist seit Jahren ein Ort für selbstorganisierte Kultur. Er entstand ursprünglich im Jahr 2008 als „kleiner Laden für schöne Dinge“. Das Team aus Ehrenamtlichen wollte „Produkte mit Seele“ von verschiedenen kleineren Labels verkaufen.
Geschäft mit Zukunft
Nach zwei Jahren war aber klar, dass ein Geschäft mit festen Öffnungszeiten nicht gestemmt werden konnte. Die damalige Initiatorin Yvonne Sedlacek wollte die Räumlichkeiten aber nicht hergeben für ein „langweiliges Versicherungsbüro oder eine Fahrschule.“ So entstand die Idee, einen Verein zu gründen, den Verein zur Förderung der Selbstmach-Kultur in Darmstadt.
Der Laden kann nun seit 2010 als Raum für Kulturveranstaltungen gemietet werden. Es finden regelmäßig Events wie Ausstellungen, Konzerte oder eben Flohmärkte statt. Immer mit der goldenen Regel: Eintritt umsonst! Finanziert wird das Ganze über Vereinsbeiträge, Mietzahlungen der Nutzer*innen und natürlich steht die kultige Michael-Jackson-Büste für Spenden bereit.
Vielleicht liegt gerade darin der besondere Charme des Zuckers. Ein Ort, der mit wenig auskommt und viel Wirkung entfaltet. „Außerdem ist der Raum selbst total süß“, schwärmt Jonna. Der Laden ist gut gefüllt, das erste Event der beiden scheint ein Erfolg zu sein. Die zwei planen auch schon die nächsten Veranstaltungen für ihr Kollektiv Amor. Angedacht sind beispielsweise eine Journaling-Nacht, ein Mindfulness-Abendessen oder Yoga und Pilates. „Wir wollen weiter wachsen, auch persönlich, damit ganz viele Leute von Amor und unseren Events mitbekommen.“ Der Flohmarkt endet bald, aber der Raum bleibt als Ort, an dem Begegnung möglich wird.
