Lennart Schilgen schaut mit halb geöffnetem Mund in die Kamera über ihm.
Musikkabarettist Lennart Schilgen © Marvin Ruppert
Lennart Schilgen schaut mit halb geöffnetem Mund in die Kamera über ihm.
Musikkabarettist Lennart Schilgen © Marvin Ruppert

Das Programm von Musikkabarettist Lennart Schilgen bewegt sich in der Darmstädter Centralstation zwischen Reinhard Mey, Fontane und Black Metal. Ein Bericht von Maja Eckstein.


„Ich möchte euch jetzt nicht dazu zwingen, aber ich möchte euch auch die Gelegenheit für ein Comeback-Geräusch nicht nehmen“, mit diesem Satz durchbrach Lennart Schilgen gleich in seinem ersten Song die Wand zwischen ihm und dem Publikum. Die Gäste gehorchten sofort und fingen fast wie von allein an zu Jubeln und zu Klatschen – das Comeback-Geräusch von dem Schilgen sprach.

Der Berliner Musikkabarettist trat am 29. November mit seinem Programm „Abwesenheitsnotizen“ in der Centralstation in Darmstadt auf und sorgte zwei Stunden lang für angespannte Bauchmuskeln bei den Darmstädterinnen und Darmstädtern und allen, die den Weg an dem Abend dorthin gefunden hatten.

Der Raum war gut gefüllt, allerdings wurde nur etwa die Hälfte der möglichen Kapazität tatsächlich beansprucht. Das durchschnittlich 40- Jahre-Aufwärts-Publikum erwies sich als mitmachbegeistert, auch wenn es im einen oder anderen Moment während eines Beitrags zu oft zu klatschen anfing, woraufhin Schilgen irgendwann selbst nicht mehr ganz wusste, wie er damit umgehen sollte: „Kommt da noch was, oder war`s das jetzt?“. Als Antwort bekam er nur ein Lachen.

Auf die Frage, wer ihn denn schon mal live gesehen hatte, zeigte sich, dass die Hälfte der Zuschauerinnen und Zuschauer seine Show zum wiederholten Mal besuchte, während die restlichen Gäste von Freunden oder Familienmitglieder gezwungen wurden, so zumindest Schilgens Annahme. Bereut haben werden sie es wohl nicht. Die Stimmung war entspannt und fröhlich.

Liebenswürdiges Musikkabarett

Der charmant-chaotische Musikkabarettist, welcher seit 2012 als Solo-Künstler unterwegs ist, überzeugt seit Jahren durch seine liebevolle, selbstironische und leichte Art, mit der er in unterschiedliche Rollen schlüpft, Geschichten erzählt, Alltagsbeobachtungen beschreibt und Lebensweisheiten weitergibt. Seine flapsigen und sympathischen Züge sind das, was ihn dabei ausmachen.

In seinen Texten ist er manchmal etwas derb, aber zugleich auch voller Liebenswürdigkeit. Das sind die Formen, zwischen denen er sich bewegt. Bei dieser feinen Balance, kann auch mal über ein oder zwei Texthänger hinweggesehen werden.

Der 27-Jährige besang an diesem Abend vielerlei Themen, wie das Liebesleben, das Wiedersehen mit alten Freunden und das Reisen. Häufiges Thema bei ihm: Das Scheitern. Sowohl in Zwischenmenschlichen Beziehungen als auch in gewöhnlichen Momenten des Lebens. Zudem ließ er mit einer Parodie von „Abenteuerland“, einem großen Hit der deutschen Schlagerband Pur, einzelne Schlagerherzen höherschlagen, auch wenn es nun um Zeltlager und Lagerfeuerlieder ging und nicht mehr um eine Reise in eine Fantasiewelt.

Auch seine zum Verwechseln ähnliche Reinhard Mey Imitation fand in seinem Programm Platz. Dabei begleitete er sich selbst auf Gitarre und Klavier und rezitierte eigene Gedichte. In seinen literarischen Vorträgen adaptierte er unter anderem Theodor Fontane und glänzte mit Wortgewandtheit und gekonnter Anwendung des Metrums. 

„Blues ist für mich klassische ‚Ach Menno‘-Musik“

Trotz allem kam es kurz vor der Pause im Programm zu einem deutlichen Stimmungstief, von dem es sich auch nach der Pause nicht mehr komplett erholen konnte. Die Luft war einfach draußen. Dies mag auf den etwas ernsteren Inhalt der letzten Lieder zurückzuführen sein, jedoch folgte auch darauf kein stimmungsvoller Aufschwung mehr, der das Tief wieder angehoben hätte.

Der inhaltliche Twist, für den Schilgens Lieder bekannt sind, kam immer seltener oder fiel geringer aus. „Die ausgleichende Leichtigkeit ging für mich gegen Ende verloren“, findet auch Chris. Der 61-Jährige sah Schilgen bereits zum vierten Mal. „Er hat sich zu oft ablenken lassen und ist zu häufig auf Unterbrechungen oder Reaktionen des Publikums eingegangen“, meint er. 

Auch die Größe der etwa acht Meter langen Bühne, die mit dem häufigen Wechsel von Klavier (Bühne links) zu Gitarre (Bühne rechts) nochmal deutlich in den Vordergrund rückte und den daraus resultierenden Pausen trugen zu dem stimmlichen Loch bei. „Er wirkte auf der Bühne etwas verloren“, so Chris. Dennoch war es für ihn, wie sonst auch, eine gelungene Veranstaltung. 

Der Name „Abwesenheitsnotizen“ war an diesem Abend allerdings nicht Programm. Es wirkte mehr wie ein gewöhnliches Konzert, das keinen richtigen roten Faden hat und bei dem alles mal durchgespielt wird. Neben „Shouter“, ein Song, der einen Einblick in das Innenleben eines eigentlich schüchternen Black Metal Sängers gibt, und „Dafür hab ich ein Leben“, eine Abrechnung mit Menschen und deren Angebereien, spielte er auch seinen meistgestreamten Track „Lea“.

In dem Song offenbart er einer vergangenen Festivalbeziehung in einem Telefonat, dass sie ein eigenes Lied, anstelle eines Kindes, wie die Formulierung hätte vermuten lassen können, hat. Schilgen spielte also sämtliche Publikumslieblinge, aber von Abwesenheitsnotizen war keine Spur zu sehen.

Dennoch gab es am Ende der Veranstaltung mehrmals „Zugabe“- Rufe, auf die der Künstler mehr als einmal einging. 

Als Extra gab er unter anderem den „Liegen-bleiben-Blues“ zum Besten. „Blues ist für mich klassische ‚Ach Menno‘-Musik“, erzählte Schilgen zur Erheiterung mancher Gäste, bevor er das Lied zum Abschluss anstimmte.

Der Abend ging mit einem Schmunzeln zu Ende – verschwendet war er auf jeden Fall nicht. Lennart Schilgen tourt mit seinem Programm „Abwesenheitsnotizen“ noch bis zum 08. Mai 2026 durch Deutschland. 

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