Schwarz-Weiß-Bild von Rapper Souly
Souly © Michael Anthony Baumann - Carbonara Studios
Schwarz-Weiß-Bild von Rapper Souly
Souly © Michael Anthony Baumann - Carbonara Studios

Beim Tourauftakt des Rappers in Hamburg stürzten beim Moshpit Teile des Hallenbodens ein. Nun spielt Souly in der Stadthalle Offenbach. Wie ist es, als kleine Frau bei einem energetischen Konzert voller männerdominierter Moshpits zu sein? Eine Reportage von Sophie Leonhardt.


Ich stehe am Einlass der Stadthalle Offenbach. 1,59m groß, ein kleiner Körper in einer Menge, die langsam vor Vorfreude brodelt. Ich friere leicht, obwohl die Luft längst warm ist. Es ist dieser Moment vor einem Konzert, in dem alles stillsteht — und gleichzeitig schon vibriert. Ich bin freiwillig hier, ich habe mich seit Wochen drauf gefreut. Und trotzdem spüre ich dieses Kribbeln: eine Mischung aus Aufregung, Vorahnung und Respekt vor dem, was gleich passieren wird.

Was im Vorfeld in Hamburg passiert ist, hängt wie ein Schatten über dem Abend. Dort sollte eigentlich der Auftakt der „Traence“-Tour stattfinden. Doch schon nach mal 20 Minuten musste Souly den Auftritt abbrechen. Deutsche Moshpits sind schon länger für ihre Intensität bekannt, aber in Hamburg gingen sie wortwörtlich durch den Boden: Teile des Hallenbodens sind unter der Crowd eingekracht. Die viralen Clips davon brannten sich in meinen Kopf. Für mich war klar: Diese Tour würde nicht einfach ein bisschen wild werden, sie würde an Grenzen gehen. Und ich wollte sehen, wie es in Offenbach sein würde.

Konsequente No-Phone-Policy

Der Einlass dauert ewig, aber bleibt ruhig. Ich beobachte die Menschen um mich herum, die Mischung aus Nervosität und Ungeduld. Und dann plötzlich fällt ein Junge vor mir einfach um. Er ist noch jung, vielleicht kaum älter als ich. Seine Augen glasig, der Körper schwer wie Blei. Der Blick, den er hatte, ließ keine Zweifel: Drogen. Noch bevor die Vorband überhaupt die Bühne sieht, lag der erste schon flach. Die Sanitäter sind sofort da. Einer kniet sich neben ihn, checkt routiniert Puls und Atmung und murmelt leise, fast genervt-resigniert: „Immer das gleiche.“ Obwohl sie sich direkt um ihn kümmern, begleitet mich die Szene bis in die Halle. Drinnen schlägt mir die Atmosphäre entgegen: dicht, heiß, voller Erwartungen. Die Menge ist laut, gespannt — und ja, stark männerdominiert. Ich bin natürlich nicht das einzige Mädchen hier, aber man spürt als Frau sofort, wie viel Raum man hat. Oder besser gesagt: wie wenig. Große Körper, breite Schultern, Bewegungen, die andere Körper automatisch verdrängen. Ich merke, wie sehr man als kleines Mädchen strategisch denken muss: Wo stelle ich mich hin? Wer steht neben mir? Werde ich gleich übersehen? Wird sich jemand ohne Absicht auf mich draufschieben?

Bevor das Konzert richtig beginnt, kommt die No-Phone-Policy zum Tragen. Jeder muss seine Kameras mit einem Souly-Sticker abkleben. Ich wusste das vorher, aber trotzdem überrascht mich die Konsequenz. Securities, die durch die Reihen streifen, Fans, die bei jedem Handybildschirm böse schauen. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein kontrollierter Ausnahmezustand: eine Mischung aus Gemeinschaft und strengem Regelwerk.

Als Souly auf die Bühne kommt, ist der Jubel ohrenbetäubend. Schon beim dritten Song stoppt er plötzlich, hebt den Blick und brüllt ins Mikro: „Packt eure scheiss Handys weg und genießt den Moment endlich!“ Die Crowd rastet aus, viele jubeln, manche filmen heimlich weiter. Der Satz trifft mich doppelt: Einerseits verstehe ich, was er meint. Dass wir präsent sein sollen, dass wir fühlen sollen. Anderseits zeigt er, wie deutlich die Macht hier verteilt ist. Wer sagt, was „Genuss“ bedeutet? Wer entscheidet, wie frei wir in diesem Raum wirklich sind?

Musikalisch liefert Souly genau das, was ich erwartet habe: rohe Stimme, brachiale Energie, Lichtblitze, die die Halle schneiden. Die Crowd bewegt sich wie ein einziger Atemzug. Ich werde vor und zurück geschoben, manchmal fast erdrückt. Zwischendurch kippen immer wieder Leute um. Ich sehe mehrere, die von Sanitätern rausgebracht werden. Manchmal Kreislauf, manchmal mehr. Ich frage mich, ob „Grenzen austesten“ wirklich bedeuten muss, dass so viele über ihre eigenen hinweggehen. Zwischen all dem gibt es auch diese Momente, in denen ich mich vollständig verliere: wenn der Bass durch meinen Brustkorb fährt, wenn Souly eine Zeile schreit, auf die ich mich seit Monaten freue, wenn die Crowd im gleichen Moment einatmet und explodiert. Das sind genau die Augenblicke, die mich hergebracht haben.

Als kleine Frau im Moshpit

Und trotzdem bleibt da mein feministischer Blick. Räume wie dieser sind für viele selbstverständlich, für mich sind sie es nicht. Nicht, weil ich mich fehl am Platz fühle, sondern weil ich permanent merke, wie unterschiedlich unsere Körper, Positionen und Risiken sind. Als kleines Mädchen muss ich doppelt wach sein, nicht aus Angst, sondern aus Selbstschutz und Strategie.

Ich muss meinen Platz behaupten, meine Balance halten, meine Arme so anwinkeln, dass ich ich nicht untergehe. Moshpits bedeuten für mich was anderes als für einen zwei Meter großen Typen. Laut sein bedeutet etwas anderes. Frei sein bedeutet etwas ganz anderes.

Souly hat abgeliefert. Aber das Konzert erzählt mehr als nur Musik. Es erzählt von Körpern, Macht, Dynamik und Grenzen. Als das Konzert endet, trete ich mit drei neuen blauen Flecken in die kühle Nacht hinaus. Ich fühle mich erschöpft und gleichzeitig gestärkt. Ich wusste, worauf ich mich einlasse – und ich würde es auch wieder tun. Ich habe begriffen, dass es Mut braucht, in dieser Masse nicht nur dabei zu sein, sondern sich selbst nicht zu verlieren.

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