Rot beleuchtete Bühne mit dem Schriftzug Jazz Montez im Hintergrund
Die Bühne vor dem Auftritt von Mari Froes © Gabriel Romano
Rot beleuchtete Bühne mit dem Schriftzug Jazz Montez im Hintergrund
Die Bühne vor dem Auftritt von Mari Froes © Gabriel Romano

Die Sängerin Mari Froes nimmt das Publikum bei ihrem Frankfurt-Debüt mit auf eine Reise nach Brasilien. Der Jazz-Abend weckt bei unserem Autor nostalgische Gefühle an seine Jugend. Eine Reportage von Gabriel Romano.


Der Schaumainkai in Frankfurt wirkt an diesem Abend wie eine Kulisse, die eigens für mich beleuchtet wurde. Die Laternen streuen weiche Lichtstrahlen auf die schwarze Oberfläche des Mains, die sie in der Dunkelheit widerspiegelt. Ich kenne diese Straße. Hier bin ich schon einmal entlanggegangen, Hand in Hand, an meinem zweiten Date mit meinem Freund, als wir zum Museum Angewandte Kunst hingegangen sind. Erneut führt mich mein Weg heute Abend dahin. Doch heute suche ich nicht nach Kunsthandwerk, sondern besuche das Konzert von Mari Froes – und finde dabei etwas, das mir unerwartet gefehlt hat: das Wiedersehen mit meiner eigenen Jugend.

Mari Froes ist eine brasilianische Künstlerin, die ich seit Jahren online verfolge. Nächte, in denen ich mit fünfzehn allein in meinem Zimmer saß und ihre tiefe Stimme auf YouTube durch meinen Laptop hörte, haben mich stark geprägt. Sechs Jahre nach ihrem ersten Single-Release kommt Froes für eine Headline-Tour nach Europa. Dass ich sie in Deutschland, so weit entfernt von meinem damaligen Leben, live sehen würde, wirkte unwirklich. In der Wartehalle läuft Samba im Hintergrund. Es folgen Namen, die für mich so selbstverständlich sind: Ney Matogrosso, Bellini, Djavan. Für die meisten hier scheint es Hintergrundmusik zu sein. Für mich ist es etwas Intimes, Vertrautes. Während ich warte, fällt mir auf, dass kaum Portugiesisch gesprochen wird. Frankfurt hat keine riesige brasilianische Community, aber ich hätte trotzdem erwartet, mehr Brasilianer*innen zu sehen.

Musik im Museum

Der Performance-Raum scheint improvisiert, als hätte das Museum ihn spontan umgestaltet. Es riecht nach Alkohol, vermischt mit der typischen Museumsluft, leicht muffig. Der Raum ist dunkel, in rotes Hintergrundlicht getaucht, beleuchtet nur von ein paar schwachen gelben Lampen an den Ecken mit der Bühne in der Mitte. Trotz der modernen Architektur des Museums fühlt es sich an diesem Abend an wie eine mysteriöse Jazz-Bar der 80er.

Kurz vor dem Konzertbeginn drängen sich die Besucher*innen in die Raummitte. Mit der Menschenmenge kommt endlich auch Portugiesisch in mein Ohr. Eine Brasilianerin erzählt einer deutschen Kollegin: „Ich habe ihre Lieder immer auf Spotify gehört. Dann stand auf der App plötzlich ‚Event in der Nähe‘, und ich war total schockiert, dass sie in Frankfurt spielt.“ Hinter mir scherzt jemand zu seinem Freund auf Portugiesisch: „Ich weiß, dass das hier kein deutsches Publikum ist, weil ich größer bin als die meisten hier.“ Ich kichere. Ein lockerer, spontaner Witz, der mir ein starkes kulturelles Gefühl zurückbringt. Meine Community ist heute doch da.

Es ist 22 Uhr. Eigentlich 22:15 Uhr – typisch brasilianisch, wir sind immer verspätet. Ein Mitarbeiter des Museums betritt die Bühne, begrüßt das Publikum und fragt: „Kennt ihr Mari Froes?“ Ein paar Brasilianer*innen  reagieren, die meisten bleiben eher ruhig. Er erklärt kurz den Charakter des Abends: der Jazzklub im Rahmen des Museumsprogramms. Jazzklub ist ein dreimonatiges, multidisziplinäres Veranstaltungsprojekt zum Thema Jazz in Frankfurt am Main, das bis Januar 2026 läuft. Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Museum Angewandte Kunst mit dem Jazz Montez Verein, der seit 2016 Jazzevents für das Rhein-Main-Gebiet organisiert. Unter dem Programm finden Besuchende Ausstellungen, Vorträge und Konzerte mit unterschiedlichen beteiligten Clubs, Vereinen, Instituten, Filmschaffenden und Musiker*innen aus Frankfurt.
in die Nacht, bis ich den Schaumainkai verlassen habe.

Sängerin Mari Froes auf der Bühne mit Mikrofon in der Hand
Mari Froes bleibt den gesamten Abend über authentisch. Die Bühne vor dem Auftritt von Mari Froes © Gabriel Romano

„Guten Abend – I hope I said it right“, sagt Froes mit einem vorsichtigen Akzent, als sie die Bühne betritt. Ich lache überrascht. Ich hätte nie erwartet, sie plötzlich Deutsch sprechen zu hören. Ohne große Einführung beginnt der erste Akkord – und mit ihm ein Rücksturz in die Zeit. Ich bin wieder fünfzehn, in meinem Zimmer, Kopfhörer auf. Ein großer Fan bin ich heute tatsächlich nicht mehr, viele Songs habe ich nicht mitgesungen, wie die anderen Brasilianer*innen um mich herum. Aber die Oldschool-Hits kannte ich auswendig, selbst wenn ich sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Ich lache und wische eine Träne aus meinem Gesicht.

Zusammentreffen von zwei Welten

Jedes Lied ist eine Reise zurück nach Brasilien. Begleitet von einem Bassisten und einem Schlagzeuger spielt Froes das gesamte Konzert auf der Gitarre und singt. In manchen Liedern legt der Schlagzeuger die Drumsticks zur Seite und spielt Pandeiro nur mit den Händen. Das typische brasilianische Instrument lässt klassische Samba-Rhythmen im Raum erklingen, wenn mit den Handtellern darauf getrommelt wird. Akustisch geprägte
Bossa-Nova-Akkorde erzeugen eine vertraute Klanglandschaft, als wäre man unterwegs inden Straßen in Rio de Janeiro: Eine Mischung aus brasilianischen Tönen und Jazz-Elementen füllt den Konzertsaal.

Froes’ Stimme klingt sehr professionell: tief, reif, stark. Mit ihrer sensiblen Musikalität bringt sie das Publikum zum Nachdenken, aber auch zum Tanzen. Mal langsame und poetische Lieder, mal pulsierende Rhythmen bei den Samba-Stücken. Zwischendurch interagiert sie immer wieder mit dem Publikum – Blickkontakt, ein Lächeln, ein Zeigen mit den Fingern. Kleine Gesten, die Nähe schaffen.

Authentisch wirkt sie bis zum Ende des Konzerts: Wenn der Gitarrenklang falsch ist, stoppt sie die Musik: „This is a totally different tone. Wait guys, you can pretend I’m not here right now“, sagt sie lachend, während sie ihre Gitarre für den nächsten Song stimmt. Sie scheint die brasilianische Community sofort zu erkennen. Und wir erkennen sie. Ein warmes Verständnis entsteht – wie das tropische Wetter in der Heimat –, aber mitten in einem Frankfurter Museum.

Das Konzert dauert zwei Stunden und währenddessen gibt Froes mir ein Stück meiner Herkunft zurück – ein Gefühl, das ich im Alltag oft vergesse. Als ich wieder hinaus auf die dunkle Straße trete, wirkt Frankfurt ein wenig anders. Ich fühle mich empfindsam, zittrig. Ich spüre, wie sich meine beiden Welten – die frühere in Brasilien und die heutige in Deutschland – nach dem Konzert miteinander verbunden haben. Das Gefühl folgt mir hinaus.

Privacy Preference Center