

Schon seit über dreißig Jahren steht in der Mitte der Stadt Lorsch ein Brunnen, direkt vor dem Rathaus. Darauf sitzt die Figur der Tabaknäherin – eine Statue, die repräsentativ für die traditionelle Tabakproduktion der Stadt steht.
Seit einigen Jahren jedoch ist sie mehr als das. Zu Fastnacht und der Lorscher Kerb wird sie durch Marion Walter zum Leben erweckt. Als Stadtschreiberin berichtet sie regelmäßig über vergangene Ereignisse in Lorsch. Die 58-Jährige arbeitet eigentlich in einem Schreibwarenladen, hüpft aber seit drei Jahren in die Rolle der Stadtbeobachterin und das ganz in ihrem eigenen Stil, mit Reimen und Humor.
Von Nina Walter
Wie bist du zur Rolle der Tabaknäherin gekommen?
Der Vorsitzende aus meinem Fastnachtverein kam mit dieser Idee auf mich zu, die Tabaknäherin, die in Lorsch am Brunnen sitzt, zum Leben zu erwecken. Und er hat mich gefragt, ob das eine Rolle wäre, mit der ich mich identifizieren könnte. Das musste ich ganz klar mit Ja beantworten. Auch dass es lokal ist, gefällt mir sehr. Was mir ganz wichtig ist, ist, dass ich auf Lorscher Mundart dichten kann. Und dass die Leute erfahren können, was in der Stadt passiert ist – auf witzige Art und Weise.
Du bist mittlerweile auch Stadtschreiberin, die an der Kerb die Eröffnungsrede hält. Wie kam es dazu?
Naja, der Bürgermeister hat mich angerufen und gefragt: Jetzt wäre ich doch so toll an Fastnacht gewesen, ob ich das nicht auch an der Kerb machen würde. Da der Vorgänger aufgehört hat, haben sie noch jemanden gesucht, der das macht. Ich habe dann direkt gesagt, ich mache es nicht so wie er, weil er eher politisch war und sehr korrekt – so bin ich halt nicht. Ich bin halt im Stil eher lustig und mache das wie bei einer Büttenrede.
Wie würdest du die Figur selbst beschreiben, eher kommentierend und lustig oder beobachtend?
Ich würde mal behaupten, sie macht beides. Weil ich auch an der Kerb die Rede halte – da ist es eher eine objektivere Erzählung, was im Jahr über in der Stadt geschehen ist. Auf den Fastnachtssitzungen ist es witzig und auch mal kommentierend. Also je nach Anlass unterschiedlich.
Wie wichtig ist der Dialekt für die Figur?
Ich kann es auf Hochdeutsch nicht. Das würde nicht zu mir passen. Und das würde, finde ich, auch nicht zu einer Loscher-Traditionsfigur passen.
Reime, Notizen und ein guter Flow
Du schreibst deine Texte selbst. Wie entsteht so eine typische Kerb- oder Fastnachtsrede bei dir?
Ich schreibe mir das ganze Jahr über Notizen auf, wenn mir irgendwas zugetragen wird, was passiert ist. Und dann setze ich mich hin, wenn es Zeit wird vor der Fastnacht oder Kerb und überlege, was für Punkte interessant wären, was die Leute ansprechen könnte und was aktuell ist. Dann mache ich mir Stichpunkte dazu und beginne mit der Ausfeilung des Textes.
Testest du auch Pointen oder Witze vorher ab oder vertraust du da beim Schreiben auf dein Gefühl?
Tatsächlich hole ich da schon meine Freunde und Familie mit ins Boot, die das immer vorher anhören müssen und frage die nach ihrer Meinung.
Wie lange arbeitest du an so einer Rede, bis sie tatsächlich sitzt? Bis sie endgültig fertig ist?
Das kommt immer auf den Flow an. Also, wenn man nicht im Flow ist, zu dichten, das kann man nicht erzwingen. Demzufolge ist es manchmal ganz schnell, oft dauert es auch ein bisschen länger. Ich denke aber auf keinen Fall länger als zwei Wochen. Ich feile dann bestimmte Textstellen weiter aus oder stelle nochmal was um, auch kurz vor dem Auftritt noch.
Schreibst du eher strukturiert oder entstehen viele Ideen auch spontan während dem Schreiben?
Es entsteht tatsächlich vieles direkt beim Schreiben. Also ich hab nur die thematischen Stichpunkte, die ich so abarbeiten möchte, aber die Ideen hinter dem Text selbst, die entstehen während dem Schreiben. Oder, was auch ganz groß und wichtig für mich ist, ist das Reimen. Ich gucke viel in meinem Reimlexikon nach. Was sich auf ein bestehendes Wort reimen würde, schlage ich dort nach. Und ganz oft finde ich dann viele Wörter, mit denen sich dann ein sinnvoller Satz bilden lässt.
Wo ziehst du die Grenze zwischen Humorkritik und möglicher Verletzung?
Also Verletzung gehe ich so gut es geht total aus dem Weg. Ich halte mich auch weitestgehend zurück, was die politische Lage betrifft. Da will ich mich nicht rein hängen. An Fastnacht ist es ja auch so, da sollte es keiner zu ernst nehmen – da wird auch mal ein Bürgermeister auf die Schippe genommen. Ich passe dabei schon auf, dass ich keinem direkt auf den Fuß trete. Ich probiere es stattdessen auf eine positive Art und Weise, also versuche, das eher zu honorieren, was die Leute machen.
Lampenfieber und Applaus
Hast du manchmal Lampenfieber oder genießt du es eher auf der Bühne?
Tatsächlich ist es so, dass es vorher extrem ist, das Lampenfieber. Man macht sich davor Gedanken: Kommt es gut an, kommt es nicht gut an? Aber wenn man dann auf der Bühne ist, ist es tatsächlich so, dass man oft mittendrin denkt: Boah, das macht mir voll Spaß. Oh schade, es ist schon das letzte Blatt. Es ist gleich fertig, weil man ja doch darauf hinfiebert und auch Tage vorher nicht schlafen kann. Und je mehr ich entspannt bin, umso besser ist auch meine Gestik.
Was ist für dich der schönste Moment bei einem Auftritt?
Tatsächlich, wenn die Leute mitgehen und ich zwischendrin einen Tusch kriege. Oder noch besser, ein „Auauauaua“. Also, wenn die Leute gut auf meinen Text reagieren. Und natürlich der Applaus am Ende.
Wer unterstützt dich bei den Auftritten, sowohl auf als auch hinter der Bühne?
Also man muss sich auch im Publikum immer jemanden suchen, der einem wohlgesonnen ist. Das ist ganz wichtig. Also wenn meine Mädels im Publikum sitzen und ich sehe sie und sie applaudieren, dann gibt mir das ein gutes Gefühl. Oder ich sehe meine Freundin hinter der Bühne stehen und weiß genau, sie unterstützt mich, sie ist da. Aber der wichtigste Mann ist tatsächlich Marco Graf, der mich jedes Jahr wieder unterstützt. Den kann ich immer fragen. Also das ist mein Mentor, Tutor, Mentor, Professor. Er gibt mir Hilfe bei der Themensuche und Ausformulierungen. Von ihm habe ich auch das Reimlexikon geschenkt bekommen.
Wo siehst du die Tabaknäherin in fünf Jahren?
Nicht mehr auf der Bühne. Ich glaube, irgendwann ist das Thema mal durch. Also man sollte das Konzept nicht zu lange machen. Die Tabaknäherin, die wird den Leuten irgendwann langweilig. Vielleicht gibt es ja dann eine andere Person oder es gibt ein anderes Ding. Irgendwas anderes Blödes, altes Weib, Büromaus, Tratsch, was ich auf die Bühne bringen kann. Aber ich finde, alles hat seine Zeit und irgendwann ist dann auch mal gut. Jetzt bin ich aber noch gerne die Tabaknäherin.
