

Ein Interview mit Capoeirista Antonio La Delfa, Professor Camundongo, über die Capoeira, was Sklaven mit ihr zu tun haben und wie viel sie ihm bedeutet.
Von Sally Schöffel
Wenn jemand Capoeira noch nie gesehen hat, wie würdest du sie ganz kurz beschreiben?
Oh, das ist schwer. Capoeira besteht aus fünf Faktoren, aus Kämpfen, Tanzen, Musik, Akrobatik und Geschichte. Alle fünf Elemente zusammen sind Capoeira und jeder hat sein Steckenpferd, irgendwas, das er mehr mag. Einer ist mehr der Kämpfer, einer Tänzer. Jeder hat so seins, aber der Vorteil ist, wir in Capoeira lernen alles, egal was unser super Ding ist, das fordert uns auch heraus.
Wie bist du selbst zur Capoeira gekommen?
Meine Schwester hat Capoeira entdeckt, hier in Darmstadt. Sie ist dann nach Brasilien und hat ein Projekt für Kinder in der Favela mit aufgebaut. Sie hat dort Macaco kennengelernt und sie sind ein Paar geworden. Macaco ist irgendwann nach Deutschland gekommen und hat angefangen hier Capoeira zu unterrichten. Ich war schon immer Kampfsportbegeistert, aber habe Capoeira damals nicht als Kampfsport empfunden. Anfang 2007 bin ich ins Training gegangen. War okay. Irgendwann habe ich gesagt, ich geh noch mal hin. Ich kann dir nicht sagen, was das Training war, aber nach diesem Training war ich total: Capoeira – wow! Da hat sie mich gecatcht.
Gibt es einen Sport, der ähnlich ist?
Nein, ich glaube, Capoeira ist einzigartig. Klar, es gibt Leute, die machen Capoeira nur als Sport, sie ist auch ein Kampfsport, aber die leben nicht Capoeira. Sie kommt aus der Geschichte, aus der Kultur, alles was wir machen hat immer einen Hintergrund. Wenn wir heutzutage Capoeira machen, versuchen wir das mit viel positiver Energie, aber sie ist entstanden aus der Unterdrückung der Menschen, die sie praktiziert haben, um frei zu sein. Menschen, die einfach aus ihrem Zuhause gerissen worden sind. Man sagt immer: die Capoeira ist eine afrobrasilianische Kultur, die Mutter ist in Afrika schwanger geworden, aber Capoeira in Brasilien geboren. Die Menschen hatten die afrikanische Kultur, ihre Art zu leben, ihren Glauben, ihre Kämpfe, und in Brasilien wurde das mit der neuen Kultur gemischt.


Capoeiristas nutzen traditionell ab der Batizado, der Taufe bei der sie ihre erste Corda bekommen, ein Apelido. Die Apelidos sind Alias-Namen, die sie bei allem, was mit der Capoeira zu tun hat, tragen, eine Tradition aus der Zeit, in der Capoeira in Brasilien verboten war. Cordas werden als Zeichen des Ranges wie einen Gürtel um die Hüfte getragen.
Kannst du vielleicht nochmal genauer auf den Ursprung eingehen?
Brasilien wurde von den Portugiesen eingenommen. Das Erste, was passiert ist: Die Ureinwohner sind vertrieben worden und so haben sich die wohlhabenden Menschen Land angeeignet. Eine der großen Einnahmequellen ist Zuckerrohr gewesen. Die Ernte von Zuckerrohr ist eine harte Arbeit und zu dieser Zeit war die Sklaverei auf der Welt generell groß, und so sind die dann nach Afrika gegangen und haben dort die Menschen gefangen genommen. Sie sind einfach auf Schiffe gebracht worden und wussten nicht wohin. Mussten wochenlang selbst rudern und wenn sie nicht stark genug waren, sind sie von den Schiffen geworfen worden. Dann sind sie nach Brasilien gekommen, auf die Sklavenmärkte gebracht und verkauft worden. Es gibt in Salvador den Mercado Modelo, direkt am Hafen von Salvador. Dort gibt es heutzutage viele Capoeira-Sows, aber früher war Mercado Modelo der Sklavenmarkt. Manchmal sind ganze Familien getrennt worden, man hat versucht, ihnen das Christentum aufzuzwingen, ihnen andere Namen gegeben. Die Leute sind gekommen und haben die Menschen gekauft, für die Feldarbeit, den Haushalt, und haben dann eine Besitzurkunde bekommen. Die Sklaven durften nicht Kämpfen lernen, sonst hätten sie sich wehren und flüchten können. Viele Sklaven waren im Ursprung Krieger oder Jäger. Sie haben schnell gemerkt, kämpfen trainieren können sie nicht. Aber sie haben oft gesungen und getanzt. Man hat gedacht, wenn sie das tun, kommen sie nicht auf die Idee zu flüchten.
In welcher Sprache waren die Lieder damals?
Gesungen haben sie in Yoruba. Einer alten, teilweise länderübergreifenden afrikanischen Sprache, die gibt es heute nur noch ganz vereinzelt. Auch manche Capoeira-Lieder, die wir singen, sind noch in Yoruba.
Was hat sich dann geändert?
Sie haben angefangen, den Kampf mit ihren Tänzen zu verstecken, und so hat sich Capoeira entwickelt. Das Wort Capoeira kommt aus der Sprache der Ureinwohner und heißt die Wiese, weil sie meistens dorthin sind, um sich zu verstecken und Capoeira zu üben. Sie ist nicht entstanden, um zu kämpfen, sondern zur Flucht. Damit sie sich verteidigen konnten, wenn die Aufpasser ihnen auf den Pferden hinterher sind. Die Sklaven haben versucht, in den Dschungel zu fliehen, dort haben sie Quilombos gebaut, Flüchtlingsdörfer. Als am 13. Mai 1888 Prinzessin Isabel von Braganza dann die Sklaverei in Brasilien aufgehoben hat, war es eigentlich nur ein Effekt von Widerstand. Der Kampf gegen die Sklaverei, gegen die Unterdrücker war so groß und Brasilien eines der letzten Länder, das noch Sklaverei hatte. Die Menschen waren frei, alle wollten gehen, wollten weg. Aber sie hatten auch alle kein Zuhause, keine Arbeit. Und Brasilien hat ein Problem mit Obdachlosigkeit bekommen. So sind die ersten illegalen Wohngebiete entstanden, die Favelas. Die Menschen wollten einfach nur irgendwie überleben, haben auch viele illegalen Sachen gemacht. Wenn man in dieser Zeit auch nur wie ein Capoeirista aussah, hat das schon gereicht, um verhaftet zu werden.
Was hat sich geändert, dass es heute nicht mehr so ist?
Mestre Bimba, Manuel dos Reis Machado ist sein bürgerlicher Name gewesen, hat einen neuen Stil von Capoeira gegründet. Sein Vater hat Batuque gemacht, ein Kampfsport, den es heute auch nicht mehr gibt, weil es nicht gern gesehen war. Er hat dann Capoeira und Batuque genommen und Capoeira neu erfunden. Das hat er erstmal Luta Regional da Baiana genannt, regionaler Kampf aus Bahia, weil er es nicht Capoeira nennen durfte, war ja verboten. Er war einer der Ersten, der angefangen hat, Capoeira in einer Schule zu unterrichten, auch an Weiße. Seine Akademie war neben der Medizin-Universität in Salvador und in dieser Zeit konnten nur wohlhabende Leute studieren. Er selbst konnte nicht schreiben und die Leute haben ihm geholfen Capoeira Unterrichts-konform zu machen. Der Diktator von Brasilien hat das mitgekriegt und man hat ihn eingeladen, in den Saal zu Diktator Getúlio Vargas. Sie haben sich unterhalten und schließlich hat der Diktator das Capoeira-Verbot gestrichen.
Wann war das?
In den 30er Jahren, 1937. Capoeira hat sich in Brasilien ausgebreitet, man hat Capoeira gesehen, unterrichtet und sie wurde ein bisschen bürgerlicher. Aber sie war immer ein bisschen verrufen, weil sie diesen Ursprung hat. Man hat angefangen Shows zu machen mit verschiedenen afrobrasilianischen Künsten. Emilia Biancardi hat eine große Showgruppe gegründet, und sie ist wirklich viel gereist und hat viele Leute aufgenommen, auch aus den ärmeren Vierteln. Sie hat ihnen geholfen, aus ihrem Leben was zu machen. Sie sind international gebucht worden. So wurde Capoeira auch in anderen Ländern der Welt bekannt.
Haben Leute das gesehen und nachgemacht oder sind Show-Leute in den Ländern geblieben?
Leute haben es gesehen und sind nach Brasilien, haben es praktiziert und sind dann wieder zurück in ihre Heimatländer. Meistens sind Show-Leute aber dortgeblieben. Capoeira hat den Menschen geholfen im Ausland Fuß zu fassen und die Länder haben eine neue Kultur gewonnen. Wir beide sind nicht Brasilianer und reden über eine Kultur, die im Ursprung gar nicht von uns ist. Das ist genau das, was superschön ist. Heutzutage ist Capoeira auf der ganzen Welt bekannt, und ich glaube, geliebt und begehrt.
Und wie ist es heute in Brasilien, was für eine Rolle spielt Capoeira da?
In Brasilien ist Capoeira bekannt, logischerweise, es gibt viel Capoeira in Brasilien, aber sie hat eine andere Rolle als zum Beispiel jetzt bei uns in Europa, sie ist halt einfach da.
In welchen Gesellschaftsschichten ist sie dort mehr repräsentiert?
Eigentlich ist Capoeira in allen Gesellschaftsschichten repräsentiert, aber wenn du mich jetzt fragst, wo sie mehr vertreten ist, dann mehr in den ärmeren Gesellschaften. Man hat halt gemerkt, was Capoeira machen kann, gerade in den Favelas, in den armen Gebieten, wenn man sie von der Straße holt. In einem Capoeira-Training, einer Capoeira-Roda, lernt man eine Community zu sein, füreinander da zu sein, aufeinander zu achten. Diese Einstellung, diese Art zu leben, das ist genau das, was viele, gerade junge Leute, in diesen armen Gebieten brauchen. Mestre Bob von unserer Gruppe wohnt in Sobral und unterrichtet Kinder. Hier in Europa bin ich hauptberuflich Capoeira-Lehrer. In Brasilien gibt es sehr, sehr wenige, die nur von Capoeira leben können. Weil die meisten Leute aus den ärmeren Schichten kommen und es sich nicht leisten können, große Beiträge zu bezahlen.


Was gehört alles zu dem Verein Sao Salvador?
Wir sind die Gruppe Capoeira-Salvado, das ist jetzt kein Verein in dem Sinne, wie man es hier in Deutschland kennt. Unsere Gruppe wurde am 2. Februar 2000 von Mestre Macaco und Mestre Zezo gegründet. Die beiden sind Schüler von Mestre Zé Doró. In Deutschland sind wir in Darmstadt, Münster, Fulda und Grebin vertreten. Und dann haben wir in Lyon, in Frankreich, und in Salvador der Bahia und in Sobral Standorte.
Weißt du, wie viele Gruppen es gibt?
Das kann man nicht zählen, das sind viele und es werden immer mehr. Es gibt ein paar große Gruppen, die auch alt sind. Capoeira-Senzala, das ist so die erste Gruppe, die entstanden ist. Dann gibt es Capoeira-Abada und Cordão de Ouru. Die sind wirklich weltweit vertreten. Capoeira wächst jetzt auf der ganzen Welt und hat immer mehr Teilnehmer, die länger Capoeira machen, die Trainer werden, ihren Weg gehen.
Kannst du mir die Graduierungen erklären?
Das ist teilweise von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. Bei unserer Graduierung von Capoeira Salvador sind die ersten fünf Cordas für Schüler. Dann kommt der erste, ich sag mal, Titel, Alumno Graduado, das heißt, fortgeschrittener Schüler. Die nächste Corda nennen wir Alumno Formado, das ist die letzte Corda des Schülerranges, der ausgebildete Schüler. Wir haben bei uns zweimal Professor, die erste, um sich einzufinden. Und dann gibt es die zweite Professor Corda: Man ist in der Lehrerwelt angekommen, hat verstanden, welche Verantwortung es auch für die Community bedeutet. Danach kommt Contra-Mestre. Und dann Mestre. Jede Corda hat mehr Verantwortung, auch bei den Schüler-Cordas. Eine Corda ist nicht nur Deko, man trägt auch eine gewisse Verantwortung der Kultur gegenüber.
Braucht man eine Professur, um Training geben zu dürfen?
Das ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. Bei uns, bei Capoeira Salvador, fangen die Schüler an, die ersten Unterrichtserfahrungen machen zu können, ab Graduado, der blau-gelben Corda. Ich habe selbst auch als Graduado angefangen zu unterrichten, 2011.
Warum trägt man weiße Kleidung?
Weiße Hose, weißes T-Shirt ist die traditionelle Uniform in Capoeira. In Capoeira Angola zum Beispiel, gibt es manche Gruppen, die haben schwarze Hosen, gelbe T-Shirts. Wir unterscheiden in Capoeira Angola und Capoeira Regional. Aber dann gibt es Gruppen wie wir, die sind so eine Mischung, das nennt sich Capoeira Contemporanea, zeitgemäß.
Angola ist die ursprüngliche Form?
Mestre Bimba hat Capoeira Regional gegründet, Capoeira gab es aber schon. Man hat überlegt, wie nennt man die Capoeira, die schon ist? Und man hat sie „Capoeira de Angola“ genannt. Bei Capoeira Regional gibt es einen Gründer, weil ein Mensch diesen Stil erfunden hat, Mestre Bimba. Capoeira Angola ist an verschiedenen Stellen in Brasilien entstanden. Es gibt unzählige Capoeira Mestres und sie haben damals Mestre Pastinha als Schirmherr ausgewählt, da er sie am besten repräsentieren und für die Leute da sein kann.
Worauf muss man achten, was ist wichtig, wenn man Capoeira machen möchte?
Ich glaube, das ist nicht nur in Capoeira so, generell im Leben sollte man sich gut überlegen, wo man hinwill. Erstmal ist es gut, dass man sich informiert, online oder einfach über Leute, die man kennt, man geht hin, macht ein Probetraining, lernt die Gruppe kennen, den Trainer. Manchmal kommt man irgendwo hin und merkt, das ist nicht meins, und dann geht man zu einer anderen Gruppe und denkt: Super, hier fühle ich mich wohl.
Was bedeutet dir die Capoeira?
Capoeira ist mein Hobby, Capoeira ist mein Beruf, Capoeira ist meine Einstellung. Ich glaube, es gibt heute nichts in meinem Leben, was nicht irgendwo mit Capoeira zu tun hat.
Warum?
Ich bin jetzt 19 Jahre in der Capoeira, mir gefällt einfach die Einstellung, die Art zu denken. Capoeira hat mich verändert, orientiert und mir geholfen, viele Sachen anders zu sehen, mein Blickfeld verändert. Natürlich macht das auch mein Alter, klar. Bevor ich Capoeira angefangen habe, hab ich viel gearbeitet und zwischendrin gerne meine Couch gehabt, und sonst hab ich nicht so viel gemacht. Capoeira hat mir die Welt gezeigt, viele Menschen, Personen, die anders denken, anders leben als ich. Mestre Macaco hat mir sehr viel geholfen, ich hab vor ihm eigentlich keinen gekannt, der diese Art hat, mit Menschen umzugehen. Ich weiß nicht, ob es die Capoeira war, die ihn so gemacht hat oder ob er einfach so war, aber er ist mein Capoeira-Meister, ich verbinde das automatisch mit Capoeira. Wenn ich heute mit Capoeira aufhören würde, würde ich meinen Job verlieren, mein Hobby, meine Freunde, meinen Inhalt in meinem Tag. Ich müsste mich komplett neu erfinden.
