

Ein Konzert, bei dem die Künstler geheim sind? Gibt es bei Rausgegangen Frankfurt. Heute mit Fiora und Dews Pegahorn. Ein Bericht von Luisa von Dongen.
Am Abend des 9. Dezembers steigt eine bunte Mischung aus alten und jungen Menschen aus der S-Bahn Richtung Schießhüttenstraße. Einige sind alternativ gekleidet, während andere aussehen, als ob sie gerade aus dem Büro kommen. Doch eine Sache haben sie gemeinsam: Sie wollen zu einem Konzert im Zoom, diesem traditionsreichen Veranstaltungsort im Osten Frankfurts. Und: Keiner von ihnen weiß, wer dort heute Abend
auftreten wird.
Denn sie sind Teil einer ganz speziellen Veranstaltungsreihe: Die Geheimkonzerte des Veranstalters Rausgegangen Frankfurt. Heute steht die letzte Ausgabe des Jahres an: Die Frosty Final Edition.
Für knapp 25 € kann man hier zwei Künstler:innen hören, sich auf etwas Neues einlassen oder alte Bekannte wieder treffen. Es gibt keine vorausgehenden Informationen, weder in Bezug auf das Genre noch auf die Identität der Künstler:innen. Und trotzdem sind die Konzerte immer gut besucht.
Die 23-Jährige Lena freut sich in der Schlange vor dem Einlass: „Das ist mein erstes Geheimkonzert. Ich fand die Idee echt cool und dachte, ich probiere es einfach mal aus.” Sie zieht die dunkle Winterjacke eng an sich heran, es ist kalt an diesem Dienstagabend. „Ich freue mich auf den Abend, an dem ich im besten Fall zwei neue Künstler:innen für mich entdecke.“ Später wird sie losgelöst in der Menge umher springen. Ihre Mission war wohl erfolgreich.
An diesem regnerischen Dienstag ist es zum einen die Newcomerin Fiora, die das Publikum begeistert. Obwohl sie erst seit knapp zwei Jahren eigene Musik veröffentlicht, erreichte sie mit ihrer deutschen Interpretation des Indie-Folk-Klassikers Home von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros in den sozialen Netzwerken beachtliche Berühmtheit. 2025 tourte sie durch Deutschland und Österreich und spielte dort trotz der noch jungen Karriere außerdem einige Festivals.

Im Zoom war sie vor einiger Zeit sogar schon einmal zu Gast – damals als Vorband für die Indie-Pop-Ikone Mayberg. Diesmal steht sie alleine im Mittelpunkt und gewinnt die Herzen der knapp 150 Zuschauenden mit leisen, liebevollen Akustik-Balladen wie seit wir erwachsen sind und Rückbank. Die 27-Jährige aus Göttingen überzeugt mit ihrer sympathischen Art das Publikum, das ihr die technischen Anfangsschwierigkeiten verzeiht, und ihre neue Single Fahrrad direkt mitsingt. Auch das gemeinsame Pfeifen wird geübt, während sie ihren bekanntesten Hit Daheim/Home spielt.
Der durchaus überschaubare Nebenraum im Zoom ist in warmes, oranges Licht gehüllt, während Fiora und die sich-sanft-wiegende Menschenmenge davon singen, nie erwachsen zu werden, vergangene Liebschaften wiederzutreffen und emotionale Wunden doch endlich hinter sich lassen zu dürfen.
Begleitet wird Fiora nur von sich, ihrem Klavier und zeitweise ihrer Gitarre. Ihr Sound ist leise, sanft und doch in der Aussage kräftig, sie selbst bezeichnet es als eine Mischung aus Indie- und Bedroom-Pop. Die Stimmung im Raum ist geradezu heimelig, das Publikum klatscht immer wieder im Takt mit. Unter anderem mit einem Cover der Band Blumengarten kam sie gut durch die knapp 40 Minuten und verabschiedete sich unter viel Applaus.
„Ihr wusstet ja gar nicht, wer kommt. Das ist ‘n abgefahrenes Konzept.”
Mit diesen Worten begrüßt der zweite Künstler Dews Pegahorn sein Publikum. Der junge Mann stattet der Bühne in Frankfurt – zwischen eigenen Tourdaten in Europa und dem Vereinigten Königreich – einen Besuch ab. Obwohl ihn augenscheinlich an diesem Abend die wenigsten kannten, überzeugt er auch hier.
Er zeigt sich immer wieder sehr dankbar im Zoom zu spielen und ist geflashed von der Idee des Geheimkonzertes. Immer wieder greift er den Gedanken zwischen den Songs auf, scherzt und springt dann direkt in das nächste Lied. Mit einem Tambourin in der einen und
einem roten Mikro in der anderen Hand wird Dews an diesem Abend durch den Gitarristen Martin und seinen Schlagzeuger Flo begleitet.
Sein Sound ist schneller, tanzbarer und manischer als der von Fiora, sein Genre nennt sich Goth New Wave. Der Kontrast der beiden ist hoch – und trotzdem funktioniert die Mischung. Menschen, die gerade noch melancholisch gewippt haben, springen nun und teilen die Energie, die von der Bühne auf die Zuschauer:innen überspringt. Dews’ Themen sind dunkel, er singt von toxischen Beziehungen und dem Sich-wieder-Finden.
Trotzdem reißt er das Publikum mit, das vielfach zu den souligen, rauchigen Beats tanzt. Seine neueste Single „does it really matter“ fängt mit seiner nonchalanten Art, dem leisen Pfeifen und dem klaren
Rhythmus die Trauer und Verzweiflung nach einer Trennung ein. Auch seine meist-gestreamte Single „Runnin’“ ist schnell, seine Stimme tief und melancholisch.

Obwohl das Set der Gruppierung nach knapp einer Stunde Spielzeit eigentlich beendet war, holen die Zugabe-Rufe des Publikums die drei nochmals auf die Bühne. Unter rauschendem Applaus verabschieden sie sich dann, schließlich wartet ihr ICE.
Anja E. (28 Jahre) zieht als Fazit: „Ich hatte einen super Abend! Ich kannte keinen der beiden.” Ihre Augen glitzern unter dem dunklen Augen-Make-Up. “Auch wenn mich Dews persönlich nicht so überzeugt hat, weil ich damit einfach nicht so viel anfangen kann, werde ich auf jeden Fall wieder kommen!” Sie steht Arm in Arm neben ihrer Freundin und summt trotzdem den Beat des letzten Drew-Songs mit.
So ein Geheimkonzert ist ein ganz besonderes Erlebnis: Die Anspannung während der Moderation ist einzigartig. Wie Menschen sich auf ein unbekanntes Musikerlebnis einlassen, ist faszinierend zu beobachten. Am Anfang noch etwas unschlüssig, hüpfen, wippen oder klatschen gegen Ende des Sets die meisten doch mit.
Mit diesem gelungenen Abschluss verabschieden sie die Geheimkonzerte in die verdiente Winterpause. Aber schon im Februar gibt es wieder die Gelegenheit, sich überraschen zu lassen.
