Tische und Stühle mit Weihnachtsbildern bedeckt
Handgemachtes und mit Herz Gemachtes © Siene Karim
Tische und Stühle mit Weihnachtsbildern bedeckt
Handgemachtes und mit Herz Gemachtes © Siene Karim

Der Adventsmarkt in der alten Schillerschule in Erzhausen hat lange Tradition. Dabei bleibt er ein Ort für Begegnung statt Perfektion. Eine Reportage von Siene Karim.


Der erste Schritt knarzt, dann der zweite. Die Holztreppe der alten Schillerschule in Erzhausen begrüßt die  Besucher schon am Vormittag mit diesem vertrauten, alten Laut, der klingt, als bewahre das Gebäude selbst Erinnerungen. Von draußen dringt kühle Novemberluft hinein, trägt einen Hauch Winter vor sich her. Drinnen aber breitet sich rasch eine andere Temperatur aus – eine Mischung aus Stimmenwärme, Farben und der stillen Behaglichkeit eines Hauses, in dem Menschen zusammenkommen, um etwas Schönes zu teilen.

Oben klirrt Geschirr vom Kaffee- und Kuchenraum, unten schiebt sich bereits ein stetiger Strom Neugieriger durch die Tür. Kaum hat der Adventsmarkt geöffnet, wird es lebendig.

Ein Markt, der sich wie ein Wohnzimmer anfühlt

Der Hauptsaal ist überschaubar, aber reich gefüllt. Die Stände wirken, als hätte jeder einzelne von ihnen eine  eigene kleine Welt aufgebaut: Wolle, Holz, Moosgestecke, bemalte Tassen, Armbänder, Honiggläser, Leinwände. Im Nebenraum geht es weiter und über die knarrende Treppe gelangt man zu noch mehr Handwerk, insgesamt 18 Stände, verteilt über die alten Räume der Schule.

Im ersten Stock sind die Hobbykünstlerstände zusätzlich in das Heimatmuseum eingebunden, was dem Markt ein Gefühl von Geschichte und Verwurzelung verleiht.

Es ist diese Wärme, die von Mensch zu Mensch wandert: ein Lachen, ein kurzes Gespräch, ein Wiedersehen. Viele hier kennen sich seit Jahren, doch niemand wirkt ausgeschlossen. Der Markt fühlt sich an wie ein Wohnzimmer, in dem man auch als Fremde sofort Platz findet.

Die Frau hinter dem Markt

Zwischen den Tischen bewegt sich Waltraud Stelter: offen, herzlich, mit einer humorvollen  Art, die sofort Nähe schafft. Seit über zwei Jahrzehnten organisiert sie den Adventsmarkt nahezu allein, im Auftrag des  Ortskundlichen Arbeitskreises Erzhausen, dessen Mitglieder, insbesondere Valentin Lotz, den Markt einst gründeten. Eine Gedenkplakette am Aufgang zum Dachgeschoss erinnert an ihn. Sie erzählt wie alles 1990 begann: aus der Frage, wie man die alte Schule sinnvoll nutzen könne. Die Idee eines Hobbykünstlermarkts wuchs schnell, genauso wie die Zahl der Aussteller.

Stelter kennt viele der Hobbykünstler persönlich, andere kommen über Gespräche oder die Homepage dazu. Einige fehlen inzwischen, darunter die Frau, deren Sockenstand früher ein kleiner Publikumsmagnet war. „Man hat sofort gemerkt, wenn sie nicht dabei war“, erinnert sich Stelter. Jetzt existiert ihr Stand weiter in Anekdoten und im kollektiven Dorfgedächtnis.

Waltraud Stelter selbst war einst Hobbykünstlerin. Sie arbeitete mit Moosgummi: Fensterbilder, kleine Stillleben, Geldnikoläuse, Tannensträuße mit Lichterketten, Weihnachtssterne, die um ein Licht herum angeordnet waren. Auch die Karten, die sie verkauft, haben eine besondere Geschichte: Es sind Werke von Fuß- und Mundmalern, deren Verkaufserlöse der Kinder- und Jugendförderung Erzhausen zugutekommen.

Eine Besucherin, die genau hinschaut

Mitten im Raum steht Julia Schornik, eine junge Designstudentin, die das Plakat für den Adventsmarkt zufällig entdeckt hat und zum ersten Mal beim Adventsmarkt erscheint. Ihre Augen wandern von Stand zu Stand, aufmerksam, fast zärtlich, als würde sie jedes Detail aufnehmen wollen.

„Die Stimmung ist sehr angenehm und familiär“, erzählt sie. „Man merkt, dass sich viele hier kennen. Die alte Schule gibt dem Ganzen ein Gefühl von Tradition.“

Was sie besonders fasziniert: die sichtbare Liebe in jedem Stück. Man sehe sofort, wie viel Arbeit in all den Sachen steckt.

Sie lässt sich treiben, ohne Plan und doch mit offenen Sinnen. „Ein paar Werke behalte ich im Kopf, da komme ich später nochmal hin“, sagt sie, bevor sie wieder zwischen die Stände eintaucht.

Tradition, die mit der Zeit geht

Die Hobbykünstler kommen längst nicht mehr nur aus Erzhausen. Heute stehen neben langjährigen Ausstellern auch jüngere Gesichter, Künstler aus Offenbach, Frankfurt oder umliegenden Orten. Manche Stände zeigen
klassische Handwerkskunst, andere moderne, trendige Arbeiten. Stelter erzählt, sie müsse den Markt immer ein bisschen weiterdenken. Neue Aussteller, neue Ideen, neue Impulse. Und doch bleibt der Kern derselbe: ein Ort, an dem Begegnung  wichtiger ist als Perfektion.

Boxen auf einem Tisch gefüllt mit laminierten Bildern, daneben gehäkelte Weohnachtwichtel
Auf der Suche nach dem Wichtelgeschenk © Siene Karim

Ein Vormittag, der bleibt

Gegen Mittag füllt sich der Raum spürbar. Stimmen fließen ineinander, Schritte hallen über die knarrenden Dielen, ein Lächeln löst das nächste aus. Es ist keine laute, keine überwältigende Atmosphäre, eher ein freundliches Rascheln, ein ruhiger Strom von Menschen, die sich treiben lassen. Während unten der Markt immer lebendiger wird, zieht oben im Dachgeschoss langsam ein ganz eigener Duft durch das Haus: Im
Jugendzentrum wurden Plätzchen gebacken, der süße, warme Geruch von Vanille schwebt über den Flur, mischt sich mit dem Holz des alten Gebäudes und legt sich wie ein leiser Vorgeschmack auf die Weihnachtszeit in die Luft.

Interessierte Jugendliche konnten dabei mithelfen und die frischen Plätzchen fanden später ihren Weg ins OAK-Café. Während unten verkauft, gelacht und geschaut wird, öffnet oben gegen 13:30 Uhr das OAK-Café, wo die Gemütlichkeit zuhause ist, umgeben vom Museum, dessen Highlight die auf Bildern festgehaltenen Konfirmationsjahrgänge sind. Viele Besucher bleiben davor stehen, entdecken bekannte Gesichter, erzählen alte Geschichten und plötzlich fühlt es sich an, als würde das Haus selbst zuhören.

Und während von draußen die Novemberkälte gegen die Fenster drückt, trägt man drinnen Honig, Karten oder kleine Holzfiguren davon. Doch das, was man wirklich mitnimmt, besteht nicht aus Stoff, Holz oder Papier. Es ist das Gefühl eines Adventsvormittags, der sich anfühlt wie ein kurzer Aufenthalt in einer wärmeren Welt. So knarrt beim Hinausgehen erneut die alte Treppe. Sie verabschiedet einen mit demselben Geräusch, mit dem sie begrüßt hat – als wüsste sie genau, dass man im nächsten Jahr wiederkommt.

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