Muawia Harb sitzt auf einer kleinen Bühne mit Instrumenten, hinter ihm steht ein großes Bücherregal
Muawia Harb im Willy-Praml-Theater in Frankfurt © Jana Salah
Muawia Harb sitzt auf einer kleinen Bühne mit Instrumenten, hinter ihm steht ein großes Bücherregal
Muawia Harb im Willy-Praml-Theater in Frankfurt © Jana Salah

Gibt es heute noch Menschen, die Geschichten so erzählen wie früher? Muawia Harb ist Schauspieler und Geschichtenerzähler. Er beweist nicht nur, dass diese alte Tradition im Jahr 2026 lebendig ist, sondern auch, dass Zweifel, Vorurteile und Sprachbarrieren kein Ende bedeuten müssen.

Von Jana Salah


Muawia, wann hast du deine Leidenschaft für das Schauspielen entdeckt?

Als ich klein war, haben meine Freunde und ich jeden Sommer in unserem Wohnhaus etwas gemacht, das wir „Zirkus“ nannten, eher ein kleines Theater. Wir gingen in den Keller, spannten ein Seil und hängten einen Vorhang auf, wie bei einem richtigen Theater. Dann gab es kleine Aufführungen: Der eine konnte zaubern, der andere Geschichten erzählen oder schauspielern. Jeder brachte ein paar Stühle von zu Hause mit, wir stellten sie auf und die Leute kamen, um zuzuschauen. So entwickelte sich schon früh meine Leidenschaft fürs Schauspiel. Später studierte ich Theater, arbeitete als Schauspieler in Syrien und kam 2014 nach Deutschland.

Wie hast du das Theater Willy Praml entdeckt?

Bei einem Kirchenbesuch in Frankfurt-Gallus sah ich eine Werbung für das Stück „Das Erdbeben in Chili“. Sie suchten syrische Schauspieler, also bewarb ich mich. Dabei bemerkte ich, dass ich der einzige Bewerber war, der wirklich professionell Schauspiel studiert hatte. Der Theaterleiter war so zufrieden mit mir, dass er fragte, ob ich nach Frankfurt ziehen könnte, um dort zu arbeiten. Seit 2016 bin ich nun Teil des Theaters und im Januar 2026 sind es genau zehn Jahre.

Was waren die Schwierigkeiten am Anfang?

Als ich nach Deutschland kam, dachte ich oft darüber nach, etwas anderes zu arbeiten. Viele sagten zu mir: „Du bist Schauspieler, du wirst hier keine Arbeit finden“, vor allem wegen der Sprache und ihrer Schwierigkeiten. Aber als ich am Theater als Schauspieler arbeitete, bemerkte ich, dass es Menschen gibt, die mir eine Chance geben und mich unterstützen. Für mich war es etwas ganz Besonderes, dass wir, meine Kolleginnen und ich, einen Ort gefunden haben, an dem wir unsere eigene Geschichte erzählen dürfen.

Auf der Bühne steckt hinter jeder Rolle bestimmt viel Arbeit. Wie bereitest du dich auf eine Rolle im Theater vor?

Zuerst wird entschieden, welches Theaterstück wir spielen werden. Danach beginne ich mit meiner eigenen Recherche und schaue, ob es das Stück auch auf Arabisch gibt, weil es für mich so oft einfacher ist, den Text zu verstehen, besonders, da Theatertexte sprachlich manchmal sehr komplex sind. Ich lese den Text mehrfach und beginne dann, mich intensiv mit den Figuren auseinanderzusetzen und sie vorzubereiten. Dabei schaue ich auch, ob es andere Schauspieler gibt, die diese Rollen bereits gespielt haben und wie sie an die Figuren herangegangen sind: eher ernst oder humorvoll? Anschließend treffen wir uns als Team zur ersten Leseprobe. Der Regisseur erklärt uns seine Vision und wie er sich das gesamte Stück vorstellt. Danach folgen mehrere Proben. In dieser Phase überprüfe ich, ob ich die Rolle so umsetze, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt habe, oder ob sich während der Proben neue Ideen entwickeln. Diesen Prozess verfeinern wir Schritt für Schritt, bis die Rolle und das Stück bühnenreif sind und wir es schließlich vor Publikum spielen können.

Du bist auch ein Geschichtenerzähler. Hast du diese Kunstform selbst erlebt?

Ich habe den letzten Geschichtenerzähler in Damaskus erlebt. Das war in einem traditionellen Café „Al Nawfara“, einem Ort, an dem es den Geschichtenerzähler schon seit ungefähr 1800 gibt. Diese Kunstform existiert seit über 500 Jahren. Für mich war es nicht nur Unterhaltung, sondern eine lebendige Erfahrung einer alten Kunst. Viele aus meiner oder jüngeren Generationen haben dies nie erlebt und kennen es nur als Geschichte aus der Vergangenheit. Aber ich habe es erfahren dürfen und über seine Witze gelacht. Diese Erfahrung beeinflusste mich stark. Sie war einer der Gründe, warum ich Schauspieler geworden bin. Die Frage: Wie kann man eine Geschichte erzählen? hat mich sehr lange beschäftigt.

Wie entstand die Idee, dass du selbst als Geschichtenerzähler auftrittst?

Es war im Rahmen unseres Theaterstücks „zurückGehen oder hierBLEIBEN. HEIMAT?“, das vom Krieg in Syrien handelt. Alle Schauspieler waren Syrer. Wir wollten in dem Stück Elemente einbauen, die an Syrien erinnern und dabei entstand die Idee des Geschichtenerzählers. Allerdings war es zunächst nur ein kleiner Teil des Stücks, aber anders als ein normaler Geschichtenerzähler. Diesmal wurde das Publikum selbst zum Geschichtenerzähler und jeder konnte in einer Runde über seine eigenen Fluchterfahrungen erzählen. Als wir gesehen haben, wie sehr dem Publikum dieses Format gefallen hat, haben wir daraus eine eigene Veranstaltung entwickelt, die nun einmal im Monat im Theater Willy Praml stattfindet.

Wie kann ich mir diese Veranstaltung vorstellen?

Die Veranstaltung des Geschichtenerzählers richtet sich vor allem an ein arabisches Publikum. Sie umfasst nicht nur den Abschnitt des Geschichtenerzählers, sondern schafft ein arabisches Ambiente. Nach dem Geschichtenerzähler-Teil organisieren wir verschiedene Programmpunkte. Zum Beispiel Karaoke, Gewinnspiele oder kleine Auftritte von Musikern. Unser Ziel ist es, eine unterhaltsame Veranstaltung zu bieten, bei der der Geschichtenerzähler zwar eine zentrale Rolle spielt, aber nicht den gesamten Abend ausmacht.

Du hast erwähnt, dass sich die Veranstaltung des Geschichtenerzählers vor allem an ein arabisches Publikum richtet. Ist es leicht, diese Zielgruppe zu erreichen?

Nein, im Gegenteil. Das ist unsere größte Herausforderung dieser Veranstaltung. Ich frage mich ständig: Wie mache ich die Menschen überhaupt auf den Geschichtenerzähler aufmerksam? Viele sagen mir: „Davon haben wir noch nichts gehört“. Leider gibt es keine große Plattform, auf der wir alles um das Geschichtenerzähler-Event sichtbar machen und verbreiten könnten.

Trotzdem blickst du nach vorne. Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Aktuell bereiten wir ein arabisches Projekt mit dem Titel „Café der einfachen Leute“ vor. Ich wünsche mir sehr, dass daraus ein festes Programm mit mehreren Staffeln entsteht. Zusätzlich plane ich, an den Wochenenden im Theater einen Schauspiel- Workshop auf Arabisch für arabische Schauspieler anzubieten. Außerdem möchte ich, dass die Veranstaltung des Geschichtenerzählers zu einem festen Format mit regelmäßigen Terminen wird und weiterwächst.

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