

Paul Alexander Heigel ist ein Darmstädter Digitalkünstler und Mitglied der „KiB-Künstlergemeinschaft“. Kunst ist für ihn eine Ausdrucksform. Indem er seine Digitalkunst ausdruckt und ausstellt, möchte er Menschen neugierig machen und Interesse wecken. Im Interview spricht Paul über seine Motivation dafür.
Von Jennifer Traub
Was bedeutet dir Kunst?
Kunst bedeutet für mich erstmal Freiheit und Gefühlsnähe. Es geht mir darum, mich auszudrücken und Freude daran zu haben. Mir ist es auch vorrangig wichtig, dass das Bild, das ich geschaffen habe, mir gefällt, denn ich habe dann etwas geschaffen, das aus mir selbst kam und bei dem ich das Gefühl habe, stolz darauf zu sein zu dürfen.
Und wie kommst du ins kreative Schaffen? Hast du dafür ein Ritual oder wartest du auf Inspiration?
Das ist sehr phasenabhängig. Es gibt Tage, da setze ich mich einfach dran, male und habe noch gar keine Vorstellung, was daraus werden soll. Meistens mache ich dann sehr abstrakte Bilder, die einfach nur ein Ausdruck von meinen Gefühlen zu dem Zeitpunkt sind. Dabei höre ich Musik wie Lo-Fi-Hip-Hop, um mich in eine angenehme mentale Lage zu bringen, sodass ich einfach drauf losmalen kann. Wenn mir dann etwas nicht gefällt, dann male ich einfach nochmal drüber. Man kann sich das wie in der traditionellen Malerei vorstellen, dass man das Canvas nochmal weiß macht. Das mache ich dann mit digitalen Tools wie beispielsweise dem Warp-Tool. Damit kann ich das Bild verzerren und markierte Bereiche im Bild verdrehen. Dieses Vorgehen passiert aber meist im Nachhinein und dann kommt ein ganz anderes Bild heraus, das mir dann oft viel besser gefällt.
Andererseits gibt es auch Tage, an denen ich geplante Projekte male wie zum Beispiel Gebäude wie das Wissenschaftsschloss oder das Hessische Landesmuseum in Darmstadt. Dafür suche ich mir erstmal ein Foto, das mir gefällt. Anschließend skizziere ich es vor, nur mit schwarzen Linien auf weißem Hintergrund und dann lege ich das Bild weg. Ich konzentriere mich dann nur auf die Skizze und fange an sie mit Farben und digitalen Methoden so auszugestalten, dass sie einen „digitalen Flair“ bekommt. Meist werde ich dann von einem Gegenstand im Bild inspiriert und entscheide mich dazu, diesen individuell zu inszenieren und zu gestalten. Ich arbeite einfach frei, kreativ und lasse mich vom Prozess inspirieren. Ich würde es als eine Art „Flow-Zustand“ beschreiben.
Wieso hast du dich dafür entschieden, deine Kunst als digital-physische Mischform zu gestalten?
Angefangen hat das Ganze vor zwei Jahren, als ich in der Uni cartoonartige Zeichnungen von meinen Freunden auf meinem ReMarkable-Tablet angefertigt habe. Diese Zeichnungen kamen in meinem Umfeld supergut an. Meine Familie und meine Frau fanden die Abbildungen alle toll und da kam mir der Gedanke, dass ich daraus ja auch mehr machen könnte. Ich fing dann an, die Skizzen auf meinen Pc zu übertragen und anschließend ganz klassisch mit Maus und Tastatur mit Farbe zu versehen, Farbverläufe einzusetzen und das Ganze zu gestalten. Bis ich ein GrafikTablet von meiner Frau zum Geburtstag geschenkt bekam. Nun habe ich viel mehr Möglichkeiten und mehr Spaß an der Kunst. Die physische Komponente entsteht dann, wenn ich mich dazu entscheide, die digitalen Bilder in die Realität zu überführen, also auf eine Leinwand zu drucken. Manchmal kann bei diesem Übergang auch etwas verloren gehen, da digitale Bilder immer noch eine Tiefe und Schattierungen haben, die im Druck nicht so zur Geltung kommen. Ein Großteil vom Ausdruck ist in der Regel noch da.
Irgendwann wurde mir der Gedanke wichtig, was ich eigentlich mit meiner Kunst aussagen will und welchen Mehrwert sie für die Gesellschaft und die Menschen hat. Und da wurde mir klar, dass digitale Kunst in der realen Welt gar keine Bühne hat. Wir haben digitale Sphären wie Instagram oder digitale Galerien, aber meiner Meinung nach fehlt es noch, dass diese Kunst den Übergang in die Realität schafft. Digitale Kunst soll vor allem auch für Menschen sichtbar werden, die keinen Bezug zu diesen Medien oder zur Technik haben. Ich habe selbst erlebt, dass vor allem ältere Leute auch ganz begeistert von meinen Bildern waren. Dafür braucht es noch mehr Vernetzungen und es müssen neue Bühnen geschaffen werden, an denen bisher noch keine Kunst war.
Gibt es etwas Bestimmtes, wovon du dir wünschst, dass Menschen, die deine Kunst anschauen, mitnehmen?
Ich möchte Begeisterung auslösen. Auch wenn ich weiß, dass ich nicht jeden erreichen kann, wäre es schön, wenn das Publikum einen Zugang zu dieser Art Kunst bekommt und Neugierde für das Digitale entwickelt.

Du bist seit April 2025 Mitglied in der Darmstädter „KiB-Künstlergemeinschaft“. Wie kam es dazu?
Das ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte. Meine Frau und ich studieren beide an der TU Darmstadt und sind jeden Tag auf dem Weg zur Uni über die Rheinstraße Richtung Luisenplatz gelaufen. Da hat die KiB-Künstlergemeinschaft Schaufenster. Ich war sofort von der Idee begeistert, eigenständig Kunst präsentieren zu können, also hab ich eines Nachts der Leiterin der KiB-Künstlergemeinschaft eine Mail geschrieben und gefragt, ob man sich mal vernetzen kann. Das war nervenaufreibend, da ich mich zu der Zeit noch gar nicht wie ein Künstler gefühlt habe. Monika Schafus war direkt super freundlich und hat mich herzlich aufgenommen. Seitdem bin ich bei der Künstlergemeinschaft ein festes Mitglied. Als Gemeinschaft ist es ein sehr wichtiges Anliegen, lokalen Künstler*innen, die zum Beispiel keine universitäre Ausbildung haben und nicht in Galerien ausstellen können, einen Platz zu bieten; und genau da will ich mit meiner digitalen Kunst auch sein.
Du sagst, dass deine Kunst Teil der zeitgenössischen Kunst ist. Was meinst du damit?
Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Begriff oft für digitale Kunst verwendet wird. Ich denke, dass es weniger das Ziel der digitalen Kunst ist, die zeitgenössische Kunst abzuwerten oder zu ersetzen, sondern eher eine parallele Bewegung aufzubauen, mit der sich vielleicht auch jüngere Menschen identifizieren können. Es gibt in der digitalen Welt eine sehr junge Gemeinschaft, die Ausdruck finden will. Ich möchte zeigen, dass es diese Bewegung gibt und ich will zeigen, dass sie auch in der Kunst gibt, dass sie eine Daseinsberechtigung hat sowie die Stärke besitzt, in der Realität neben der traditionellen Kunst zu existieren.
Hast du weitere Ziele, die du mit deiner Kunst erreichen willst?
Ich benutze selbst kein Social Media und möchte gerne Menschen erreichen, die keinen Zugang zur Technik haben oder nicht damit aufgewachsen sind. Weiter möchte ich mehr Menschen kennenlernen, die Spaß an Kunst haben. Ich würde gerne auch weitere Kulturprojekte realisieren. Ich will meine Kunst dabei nicht kommerzialisieren, um Geld zu verdienen und davon zu leben, da sie sonst von der Freiheit und Kreativität verliert, die ich so schätze.
Du beginnst bald dein Praktikum bei der Schader-Stiftung. Was ist das und was möchtest du gerne von deiner Zeit dort mitnehmen?
Ich studiere Soziologie. Als ich mit dem Studium anfing, wusste ich bereits, dass ich in der Wissenschaft arbeiten möchte. Auf der Suche nach einem Praktikumsplatz wollte ich etwas finden, was es mir weiterhin ermöglicht mit Sozial- und Geisteswissenschaften in Verbindung zu bleiben und da fand ich die Schader- Stiftung, die in Darmstadt sehr präsent ist. Sie unterstützt in Deutschland viele Projekte in Bezug auf Gesellschaftswissenschaften und kulturelle Projekte und organisiert unter anderem auch regelmäßig Ausstellungen. Ich wünsche mir dort viele interessante Menschen kennenzulernen, die an der Schnittstelle zwischen Gesellschaftswissenschaften, Kunst und Kultur agieren und Lust auf Kultur- und Wissenschaftsprojekte haben. Davon lass ich mich auch für meine Kunst inspirieren.
Welche Thematik hat für dich momentan noch eine große Relevanz?
Ich möchte diesbezüglich das Thema KI ansprechen. Wenn ich Kunst ausstelle und Personen, die nicht viel Bezug zur digitalen Welt haben, von meiner Kunst erfahren, dann kommen oft Vorurteile ins Spiel, weil digitale Kunst mit KI in einen Topf geworfen wird. Dem ist aber nicht so. Ich finde es sehr schade, dass Leuten wie mir, die nicht mit KI arbeiten, dieses Vorurteil entgegengebracht wird. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Auch ist KI nicht per se schlecht. Man kann KI als eine eigenständige künstlerische Person sehen, die anhand gegebener Informationsbausteine ein eigenes Werk schafft und es braucht teilweise auch Kreativität für einen guten Prompt. Außerdem schafft man es mithilfe von künstlicher Intelligenz auch, Fakten zu verdeutlichen. So hat Gesine Born ein Projekt gestartet, in dem sie mit KI Frauen aus der Wissenschaft darstellt, die keine Anerkennung für ihre Taten bekommen haben. Das hat mich sehr begeistert. Ich finde es wichtig, dass Menschen erstmal offen sein sollten sich mit KI zu befassen und darüber zu lernen, bevor sie urteilen.
