

Der Frankfurter Rapper Credibil gibt seinen ersten Auftritt nach einer traumatischen Messerattacke und kommt dafür in den Elfer Club in Altsachsenhausen. Eine Reportage von Louis Ratzenberger.
Leere, verregnete Straßen. Im Frankfurter Partyviertel Altsachsenhausen ist am Freitagabend fast niemand zu sehen. Das einzige, was man hört, ist Reggaeton aus einer der vielen Kneipen. Untypisch für die normalerweise lebendige Gegend. Eine kleine Traube von Menschen bildet sich jedoch vor einem der Clubs. Hier tritt heute Erol Peker auf, besser bekannt unter seinem Pseudonym Credibil.
Credibil ist Rapper aus Frankfurt am Main. Über zwei Jahre ist es her, seitdem der Deutsche mit kurdischtürkischen Wurzeln das letzte musikalische Lebenszeichen von sich gab. Eine lange Pause für das schnelllebige Geschäft des Deutschraps. Für das nächste Jahr plant er seine Rückkehr mit einer neuen EP und spielt diese mit einem einmaligen Konzert in der Mainmetropole vor. „Resiliænz“ (Resilienz) lautet der Titel für das kommende Projekt, denn der Weg zurück auf die Bühne war ein steiniger.
Rückblick. Wir befinden uns im Jahr 2023. Es ist Winter in Frankfurt. Von der U-Bahnstation geht es für Erol und seine Frau zu Fuß nach Hause. Nichtsahnend schlendern sie durch die Haltestelle Richtung Ausgang. Plötzlich passiert aber etwas, das das Leben der beiden für immer verändern würde: ein Unbekannter attackiert sie mit einem Messer. Peker schafft es gerade noch, den Angreifer zu vertreiben. Gerade noch, denn der Täter trifft Credibil mit der scharfen Waffe knapp neben seinem Auge. Ein blutüberströmtes Gesicht und eine Narbe bleiben. Ebenso ein Trauma, das der Künstler mit seiner neuen Musik verarbeiten möchte.
Start in den Abend mit Jie-Woo Kim
Sein erster Auftritt seit der Messerattacke, und diesen bestreitet Credibil im Elfer Club. Es ist eine überschaubare Location, die ihren Charme durch die kleine Bühne, einen Kickertisch inmitten der Tanzfläche und einer gemütlichen Sitzecke im hinteren Bereich zeigt. Die Atmosphäre wirkt vertraut, was durch die Anzahl an Besuchern bestätigt wird. 80, vielleicht 90 Personen sind gekommen, um den Rapper bei seinem Live-Comback zu begleiten. Doch bevor der Main-Act im rot-lilanden Rampenlicht erscheint, spielt ein anderer Künstler ein Set, um die kleine Masse schonmal in Stimmung zu bringen. Sein Name: Jie-Woo Kim.
Kim bietet einen Mix aus Rap und Gesang, der die Zuhörer begeistert. Erst bringt er die Crowd zum feiern und zum tanzen und schafft es dann, die Leute bei einzelnen Passagen seiner Songs zum mitsingen zu bewegen. Im nächsten Augenblick stehen sie auf einmal still da. Niemand sagt etwas. Alle hören schweigend zu, während der Musiker ein gefühlvolles Lied über seine Mutter performt. Ein krönender Abschluss vom Vor-Act des Abends.
Musikalische Bandbreite
Das Publikum fängt an zu jubeln, der Elfer ist am Beben. Nun ist die Zeit gekommen für Credibil. Mit „Kummer“ tritt der Frankfurter auf die Bühne. Direkt zu Beginn spielt der Rapper eine ganze Reihe neuer und unveröffentlichter Songs, die Energie bringen und die Leute mitnehmen. Wir wollen raus, ihr wollt rein hallt es durch den engen Raum, denn mit „Antonym“ lässt er im Anschluss eine altbekannte Nummer anklingen. Langjähriger Hörer Burak ist beeindruckt: „Die alten Songs sind geil, die neuen auch. Er hat einfach eine krasse Bandbreite“. Fan-Favorites prägen von nun an die Setlist, bei der die Fans lauthals mitsingen, allen voran bei „Sandform“ aus dem zehn Jahre alten Album „Renæssance“ (Renaissance).
Show mit emotionalen Tiefgang
Nach dem Ausflug in die musikalische Vergangenheit nimmt sich der Rapper Zeit für ein paar Worte. Der Mann auf der Bühne äußert seinen Dank an seine Fans und vor allem an die, die zum Konzert gekommen sind. Gemeinsamer Jubel des Publikums unterbricht ihn. Die nächsten Sätze richtet er an seine Frau. Es wird persönlich, emotional und echt, wie so oft in Credibils Karriere. Der Rapper spricht von Reue. Bereut es, dass seine Frau damals dabei sein und die traumatische Messerattacke miterleben musste. „Heute“ wird angestimmt, das Lied, das den Vorfall thematisiert. Eine rohe und ehrliche Performance, bei der die Besucher mit spitzen Ohren zuhören. „Die Emotionalität spürt man sehr. Alles, was aus seinem Mund kommt, kauft man ihm ab“, sagt Theresa, die mit ihrem Freund zum Auftritt gekommen ist.
Auch für Alex ist das Konzert ein besonderes: „Meine Frau hat mir die Tickets zu meinem Geburtstag geschenkt. Jetzt bin ich hier mit meinem Bruder und kann meinen Lieblingskünstler live sehen“.
Die Show endet mit einem emotionalen Höhepunkt. Credibil wird für einen kurzen Moment wieder zu Erol Peker: „Ich habe tatsächlich etwas Besonderes zu verkünden: meine Frau ist schwanger“. Tosender Applaus bricht aus. „Den nächsten spiele ich mit einer anderen Intention“. Ein Piano- Beat setzt ein. „Augenblick“ stellt das Ende von Credibils Comeback-Konzert dar. Eine letzte, herzergreifende Nummer, die das angespannte Verhältnis zwischen Erol und seinem Vater beschreibt. Alle Anwesenden im Elfer Club singen mit. „Man sagt, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…“.
