Eine Bühne mit zwei Personen, im Hintergrund ein riesiges blaues Auge
„Der Sandmann“ am Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld
Eine Bühne mit zwei Personen, im Hintergrund ein riesiges blaues Auge
„Der Sandmann“ am Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

„Der Sandmann“ steht im Zwiespalt der Psyche und der eigenen Moral. Die Inszenierung in Frankfurt spart dabei nicht an experimentellen Videoprojektionen mit KI-Elementen. Ein Bericht von Ellie Brandt.


Direkt beim Betreten des Schauspielhauses Frankfurt kristallisiert sich ein eindeutiges Bild des Publikums: weiß, privilegiert, wohlhabend. Die Zuschauerschaft wirkt insgesamt eher steif, der Altersdurchschnitt auffällig zweigeteilt. Sehr junge Besucher:innen treffen auf ein deutlich älteres Stammpublikum. Menschen mittleren Alters sind im Vergleich seltener vertreten. Diese soziale und altersmäßige Dissonanz prägt den ersten Eindruck des Abends und doch ist die Hoffnung auf eine spannende Vorstellung nicht getrübt. Am 06. Dezember 2025 steht E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der Sandmann“ auf dem Spielplan, inszeniert von Lilja Rupprecht. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Schauerromantik. Bereits lange vor dem Neurologen Sigmund Freud beschäftigte er sich mit seelischen Abgründen, Wahrnehmungsstörungen und krankhaften Veränderungen der Psyche. In „Der Sandmann“, 1816 als Teil der Nachtstücke erschienen, erzählt er die Geschichte des jungen Nathanael, dessen traumatische Kindheitserlebnisse ihn immer weiter in den Wahnsinn treiben und schließlich in den selbst gewählten Tod führen.

Die multiperspektivische Erzählweise der Novelle gilt gemeinhin als schwer für die Bühne umsetzbar. Umso bemerkenswerter ist Lilja Rupprechts Ansatz, die Vorlage stark am Originaltext zu belassen und dennoch eine dichte, visuell geprägte Bühnenfassung zu entwickeln. Die Inszenierung des Stücks dauert rund 90 Minuten und kommt ohne Pause aus. Besonders auffällig sind die Videoprojektionen von Moritz Grewenig im dritten Teil der Inszenierung. Hier wird Live-Bildmaterial mithilfe einer Echtzeit-KI verfremdet, verzerrt und fragmentiert. Die entstehenden Bilder sind bewusst unvollkommen und verändern sich von Abend zu Abend. Während dieser Ansatz formal den Verlust von Kontrolle und die Auflösung von Wirklichkeit widerspiegeln soll, wirkt der Einsatz der KI stellenweise ablenkend statt einladend. Statt Nathanaels inneren Zustand zu vertiefen, drohen die Projektionen die Aufmerksamkeit von Spiel und Text abzuziehen. Die starke Bildmacht der Technik überlagert in diesen Momenten die psychologische Dimension der Figuren und lässt den Einsatz der KI eher als Neuzeitzwang wirken – ein nicht gelungener Versuch, dem Schauspiel Moderne einzuhauchen.

Das Bühnenbild von Christina Schmitt orientiert sich, vor allem im ersten Akt, eng an der Novellenstruktur. Im Vordergrund steht das Elternhaus Nathanaels, hinter einer Schranktür verbirgt sich ein geheimnisvoller, von Nebel erfüllter Raum. Später versinkt das Erdgeschoss im Bühnenboden, während die Schlafstube des ersten Obergeschosses zur zentralen Spielfläche wird. Im weiteren Verlauf öffnet sich die Bühne zu einer zersplitterten Landschaft aus unterschiedlich hohen Bodenplatten – ein metaphorisches Sinnbild für Nathanaels zunehmend zerbrechenden seelischen Zustand. Ergänzt wird dieses Bild durch LED-Baumstämme, die von der Decke baumeln, einem zweistöckigen Glashaus sowie einem riesigen Auge im Bühnenhintergrund, das zum Finale des Stücks eine zentrale Rolle einnimmt.

Musik als zentrale Rolle

Musik spielt in der Inszenierung eine zentrale Rolle. Bereits vor Beginn des Stücks sitzt Philipp Rohmer wahrnehmbar auf der Bühne am Klavier und begleitet das Stück mit Sounds, Klangflächen und Liedern. Auch die Kostüme von Annelies Vanlaere orientieren sich an der Entstehungszeit der Novelle, mit einem detailverliebten Charme, der die Charaktere zum Leben erweckt. Besonders hervorzuheben ist hierbei das schwarze Faltenkleid der Figur Coppelius. Mitja Over verkörpert Nathanael mit großer körperlicher Präsenz und spürbarer Intensität, die sich im gesamten Saal entfaltet. Heidi Ecks spielt seine Mutter mit lässiger Fürsorglichkeit, während Sebastian Kuschmann sowohl als strenger Vater aber auch als Physikprofessor Spalanzani überzeugen kann. Manja Kuhl spielt Olimpia mit einer positiv beängstigenden Künstlichkeit und irritierender Leere, Tanja Merlin Graf verleiht der Clara eine jugendliche Leichtigkeit und somit einen starken Kontrast zu ihrem Verlobten Nathanael. Matthias Redlhammer beeindruckt in seiner Mehrfachbesetzung als Amme, Coppelius und Coppola durch Wandlungsfähigkeit und düstere Ausstrahlung.

Nach der Vorstellung wird das Publikum mit freundlichem, wenn auch zurückhaltendem Applaus entlassen – ein Applaus, der durchaus intensiver hätte ausfallen können. Eine 26-jährige Theaterbesucherin, die angibt, regelmäßig ins Theater zu gehen, beschreibt den Abend im Gespräch als „sehr visuell stark, manchmal fast negativ überwältigend“. Besonders die Videoelemente und das Bühnenbild hätten sie zwar beeindruckt, jedoch stellenweise auch aus der Geschichte gerissen. Zudem erwähnt sie, dass die Verwendung der KI-Elemente in ihr ein “ethisches Unwohlsein” ausgelöst habe, da die Verwendung der generativen KI aktuell stark kritisiert wird. Im Verlauf des Gespräches werden auch Fragen nach dem Copyright der generierten Bilder laut – ebenso wie weiterführende Sorgen um die Zukunft künstlerischer Arbeit im Zeitalter von KI.

Insgesamt gelingt Lilja Rupprecht mit „Der Sandmann“ eine visuell dichte, lyrisch nah am Original bleibende Inszenierung, die weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf atmosphärische Bilder setzt. Der Abend bewegt sich konsequent zwischen Fantastik und Wahn und übersetzt Hoffmanns düstere Romantik wirkungsvoll in eine moderne und doch historische Umsetzung der originalen Novelle.

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