

Das erste Mal ein klassisches Konzert in der Alten Oper in Frankfurt zu erleben, ist ein unvergleichliches Erlebnis. Vor allem, wenn Sir Simon Rattle der Dirigent und die BR-Symphoniker das Orchester sind. Ein Bericht von Sally Schöffel.
In der Alten Oper herrscht zwei Sekunden Stille. Drei. Dann bricht tosender Applaus aus. Jubelschreie. Als wir uns den Menschen vor uns anschließen und aufstehen, um unseren Respekt zu zeigen, tun mir bereits die Hände vom Klatschen weh. Es hat sich vorher komisch angefühlt nicht zu klatschen, zwischen den vier Sätzen, also Teilen, von Schumanns zweiter Symphonie, Opus 61. Auf Latein bedeutet Opus Werk und deshalb Teil des Titels. Die Sätze zusammen bilden ein Stück und bauen aufeinander auf, deshalb will man die entstandene Stimmung dazwischen nicht einreißen.
Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich keine wirklichen Berührungspunkte zu klassischer Musik. Bevor ich das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks gesehen habe, war ich auf genau einem anderen klassischen Konzert. Die Freundin, mit der ich dort bin, noch auf gar keinem. Manchmal muss man einfach etwas Neues ausprobieren.
Es ist dunkel, als ich am Samstagabend in Frankfurt vor der Alten Oper warte. In der langen Schlange vor dem Eingang fühle ich mich, als müsste man uns ansehen, dass wir keinen Plan von nichts haben. An der Garderobe im eleganten Foyer mit den stuckverzierten Wänden ist die Schlange noch länger. Eine Mitarbeiterin in rotem Jackett verweist uns auf eine Garderobe ein Stockwerk höher, wo wir gegen jeweils einen Euro unsere Sachen loswerden. Ein einzelner Gong ertönt. Müssen wir uns beeilen? Die beiden älteren Damen vor uns lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, also wird das wohl passen. Wir folgen den Schildern zum linken Parkett des großen Saals.

An der Tür zum Saal scannt eine Frau in rotem Jackett unser Ticket. An ihrem Arm hängt ein Korb mit Programmheften, wodurch sie was von Rotkäppchen hat. „Viel Spaß!“, wünscht sie uns.
Schließlich gongt es zweimal und eine Durchsage bittet uns, Handys auszuschalten. Filmen oder Fotografieren darf man auch nicht. Urheberschutz sagt die Website der Alten Oper. Das Orchester betritt unter Applaus die Bühne.
Schließlich werden die Lichter gedimmt, nur die Bühne ist noch erleuchtet und das Einstimmen endet. Die Grundtöne der Geigen stimmen jetzt also zum Beispiel mit denen der Flöten und Celli überein.
Bühne frei für den Dirigenten!
Applaus brandet auf, als Dirigent Sir Simon Rattle die Bühne betritt. Irgendwie sieht er klein aus, in seiner gänzlich schwarzen Kleidung mit den weißen Löckchen.
Es folgen die vier Sätze von Schumanns zweiter Symphonie, dazwischen jeweils eine kurze Atempause. Das Publikum räuspert und hustet dann immer, denn während das Orchester spielt, ist es mucksmäuschenstill. So kann auch jeder ganz hinten die feinen, leisen Stellen hören. Die Musiker:innen entführen uns in eine Welt, in der nur Klänge und Melodien zählen. Zwischen den Köpfen der Personen vor mir kann ich perfekt auf Sir Simon Rattle sehen. Die weißen Locken hüpfen und beben, wenn sich der Mann bewegt. Er dirigiert mit raumgreifenden Bewegungen und dem ganzen Körper, nach vorn gebeugt, wenn er sich besonders konzentriert.
Unglaublich, dass der Deutsch-Brite bereits 70 Jahre alt ist. Vor dem BRSO hat er die Berliner Philharmoniker und das London Symphony Orchestra geleitet. Er fehlt auf keiner Liste der aktuell größten Dirigenten, allein in diesem Jahr hat er den Ernst von Siemens Musikpreis und den Artist oft the Year-Award bei den Gramophone Classical Music Awards 2025 verliehen bekommen.
Die Zeit vergeht wie im Flug, die Höhen und Tiefen des Stückes ziehen mich mit und plötzlich verklingt der letzte Ton des vierten Satzes und wilder Applaus ertönt. Dreimal verlässt der Dirigent die Bühne. Was ein seltsamer Brauch. Ist aber Ausdruck für Sir Simon Rattles Dankbarkeit dafür, dass wir so lange klatschen.
Ich brauche kurz, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Und da bin ich mit meiner Erfahrung nicht allein. Jennifer Traub war vorher noch auf keinem klassischen Konzert: „Ich bin sehr erstaunt darüber, dass die Dreiviertelstunde einem überhaupt nicht lang vorkam.“
Die Pause verbringen wir damit, uns durch Menschenmassen in Foyers zu quetschen. Manche der Besucherinnen sind in schicken Abendkleidern da. Drei Typen in T-Shirts und schicken Jeans.
Der Feuervogel in zwei Bildern von Igor Stravinsky, uraufgeführt 1910 in Paris, ist wilder als Schumann und vielleicht unkonventioneller. Weil ich weiß, dass es zu einem Ballettmärchen geschrieben wurde, kann ich förmlich sehen, wie der Feuervogel, vertont durch glasklare Geigentöne, den Prinzen Iwan bezaubert. Der Höllentanz später verpasst mir eine Gänsehaut und sieht wahnsinnig anstrengend aus, Melodie und Tempo steigern sich immer weiter. Bögen und Finger fliegen über die Instrumente und ich bin vollkommen fasziniert.
Die letzten Töne verhallen und Applaus bricht aus. Ich kann hören, wie Sir Simon Rattle etwas ruft, doch von meinem Platz aus verstehe ich ihn nicht. Die vorderen Reihen lachen und der Applaus verstummt, als das Orchester erneut zuspielen beginnt. Ups. Der ganze Saal hat zu früh begonnen zu klatschen. Das Zweite Bild des Feuervogels ist recht kurz, trotzdem natürlich wunderschön anzuhören. Drei alte russische Volksmärchen finden sich in der Feuervogel-Erzählung wieder. Zudem haben alte Volksmelodien in der Komposition des jungen Strawinskys Platz in einem Opus gefunden, der noch mehr als einhundert Jahre später beeindruckt.
Diesmal ist es wirklich die letzte Note, die verklingt. Und dann herrscht zwei Sekunden Stille. Drei.
