

Edwin Rosen begeistert mit seinem Auftritt in der Frankfurter Batschkapp. Sowohl Musik als auch Botschaft treffen das Publikum. Eine Reportage von Nina Walter.
Hohe Gräser, Bäume, zerfallene Zaunstücke und eine überwachsene alte Bushaltestelle. Auf gestapelten Betonsteinen liegt ein kleines Mischpult bereit. Mit den ersten Synthesizerklängen durchschneiden helle Lichtblitze
den Nebel im Saal. Eine junge Frauenstimme aus dem Off beginnt zu sprechen und währenddessen wird es dunkler. „… Es ist aus… und ich fühle nichts“, meint sie mit sanfter Stimme. Dann läuft eine Person mit einer Taschenlampe auf die Bühne und scheint sich durch die Natur-Szenerie nach vorne zu kämpfen.
Ein etwas ungewöhnlicher Anblick in der Frankfurter Batschkapp, die sonst hauptsächlich Rock- und Punkbands und manchmal Indie-Künstlern eine Bühne bietet. Aber an zwei Abenden Ende Oktober füllte sie sich mit New-Wave und Synthie-Pop. Die Musik Edwin Rosens, von ihm auch „neue neue deutsche Welle (NNDW)“ genannt, lockte etwa 2500 Fans in die Konzerthalle der Frankfurter Oststadt. Edwin gilt als entscheidender Vermittler zwischen der kleineren New-Wave-Szene und Mainstream-Indie-Pop. Seit der Veröffentlichung seiner ersten Single in 2020 steigt seine Fanbase ständig, obwohl er seitdem nur 14 Lieder veröffentlicht hat.
Ein „Safe-Space“ für alle Fans
Nach dem mystischen Erscheinen auf der Bühne tippt Edwin ein-, zweimal auf das aufgestellte Mischpult und ein traumartiger Sound hallt durch den dunklen Konzertsaal. Die Fans jubeln und beginnen sich zum Lied „Schau dir zu“ zu bewegen. Die schnelle elektronische Synthie-Melodie entsteht live auf der Bühne und reißt die Zuschauer sofort mit.
Edwins Stimme bleibt ungeachtet der emotional tiefen Texte eher distanzierter, typisch für den Sound des New Wave. Die Menge tanzt und singt trotz dessen energetisch und berührt mit. Nach dem energiegeladenen Auftakt wendet sich Edwin mit einem Anliegen ans Publikum. Er möchte, dass alle eine gute und sichere Zeit auf seinem Konzert haben. Sollte jemand etwas Übergriffiges mitbekommen, solle die Person einzugreifen oder eine Nummer anrufen, die überall in der Halle auf Plakaten zu finden ist. Er betont, dass jede Person auf seinen Konzerten willkommen sei – unabhängig von Herkunft und Identität. Die Menge gibt ihm durch Jubel ihre Zustimmung.
Bekannte Songs und neue Einblicke
Es folgt ein kompakter Block mit mehreren Songs, darunter „21 Nächte“ und „Verschwende meine Zeit“. Plötzlich ertönt aber ein unbekanntes Instrumental, Edwin greift zur Gitarre und mit dem ersten Anschlag breiten sich schneidende E-Gitarrenklänge im Saal aus. Danach wendet er sich erneut an die Fans: „Ich glaub es ist kein Geheimnis, dass ich nicht so schnell im Songs machen bin.“ Wie auch bei einigen Konzerten zuvor bringt der junge Künstler ein paar nicht veröffentlichte Tracks mit. Auf dieser Tour sind es drei Stück. Zwei davon wären noch nicht ganz fertig, meint Rosen und schmunzelt. Er mache den Text erst nach dem Instrumental. „Das heißt, wenn die rauskommen, sind sie wahrscheinlich ein bisschen anders als jetzt. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem.“
Merch mit Haltung
Zwischen den nächsten Liedern bedankt sich Rosen bei seiner Vorsängerin „Kkoki“ und erwähnt ein Projekt, das ihm sehr am Herzen liegt. Die Druckerei, mit der Rosen für seinen Merch zusammenarbeitet, hilft Menschen, die aus der Sucht kommen, durch Job und ein stabiles Umfeld wieder ins Leben zu finden. Da das Projekt von staatlichen Kürzungen betroffen ist, stehen am Merchstand mehrere Spendengläser. Tour-Plakate und
verschiedene Sticker kann man dort kostenlos mitnehmen. Über jede kleine und große Spende freue man sich, betont der Sänger.
Rosen auf der Bühne
Dann folgt der emotionale Höhepunkt des Abends – Edwins Debüt-Single „Leichter//Kälter“. Mit fast 80 Millionen Streams auf Spotify ist der Song sein erfolgreichster. Und das merkt man auch im Saal. Die Fans beginnen zu hüpfen und jedes Wort wird mitgesungen. Manchmal hört man Edwins Lächeln beim Singen heraus.
Kurz nach dem ersten Refrain fliegen plötzlich einige Objekte auf die Bühne hoch. Inspiriert von der Zeile: „Und deine Lippen sind Lila, wie die Blumen, die ich dir nie kauf“, werfen Fans aus den ersten Reihen Rosen auf die Bühne und Edwins Lächeln wird deutlicher.
Die Sterne leuchten Edwin entgegen
Die Bühne ist getränkt in orangenem Licht, bis das sanftere Lied „Verschwende meine Zeit“ endet und es dunkel wird. „Die Sterne“ beginnt zu spielen. Eigentlich als Outro geplant, ist die 1:30 lange Single schon zwei Jahre vor der eigentlichen EP „Die Sterne“ erschienen. Als Edwin anfängt zu singen, heben Fans ihre Hände mit kleinen Papier Sternen hoch, die sie hin und her schwenken. Nicht alle bemerken die Aktion sofort, sie sorgt jedoch für einen sichtbaren Gemeinschaftsmoment in der großen Halle. Edwin läuft über die Bühne und hält dabei eine der Rosen in der Hand, die zuvor auf die Bühne geworfen wurden.
Offen über mentale Gesundheit
Es folgt „Wie sehr tut es weh?“, Edwins neueste Single, die mentale Gesundheit und das Unterdrücken von Emotionen und Problemen thematisiert. Anschließend nimmt sich der Sänger kurz Zeit und spricht darüber, dass es schwer aber auch wichtig ist, über solche Probleme zu reden. Zudem verweist er auf Hilfsangebote zu mentaler Gesundheit, deren Telefonnummern ebenfalls in der Konzerthalle aufgehängt wurden. Gerade im überwiegend jungen Publikum stieß diese offene Ansprache auf Zustimmung.
Akustik an der Bushaltestelle
Für den nächsten Song begibt sich Edwin Richtung Bushaltestelle. Er setzt sich auf einen Sitz der Bushaltestelle. Erneut ertönt die Frauenstimme aus den Lautsprechern und spricht sanft: „Ich hab von dir geträumt… Die
Liebe hat mich geweckt“, während Edwin anfängt, sanft auf der akustischen Gitarre zu spielen. Das Bühnenbild bleibt also kein bloßer Hintergrund. Als er anfängt zu singen, holt die Crowd ihre Handys raus und schwenkt sie mit Taschenlampe hin und her.

Edwin sitzt an der Bushaltestelle auf der Bühne und spielt seinen neuen Song. Nach dem emotionalen Lied geht es wieder in eine energetischere Richtung mit „Kontrollverlust“ und schnellen blauen Lichtblitzen, passend zum Thema des Songs. Das Instrumental klingt aus und die Fans jubeln, pfeifen, klatschen. Edwin hängt sich seine Gitarre wieder um und entschuldigt sich, dass sein dritter unveröffentlichter Song immer noch nicht erschienen ist. Dieser hat der Tour eigentlich ihren Namen gegeben, wurde aber
nicht rechtzeitig fertig. Und damit stimmt er „Wenn alle Stricke reißen“ an. Seine zuvor akustische Gitarre bekommt dabei wieder einen elektrischen und rockigeren Klang.
Abschied im Moment
Dann geht er von der Bühne. Die Fans rufen nach einer Zugabe. Einige wundern sich, dass er nicht alle Lieder gespielt hat. Aber natürlich kommt Edwin wieder auf die Bühne und spielt sein zweit erfolgreichstes Lied – „Vertigo“. Davor bittet er die Crowd, mal ihre Handys in den Taschen zu lassen und einfach mit seinen Freunden die Musik zu genießen. Viele folgen der Bitte, auch wenn vereinzelt weiterhin Smartphones zu sehen sind. Dennoch umarmen viele Fans ihre Begleitungen oder schließen die Augen beim Mitsingen des melancholischen Liebeslieds. Anschließend applaudieren die Fans erneut und Edwin verabschiedet sich diesmal wirklich.
Ein Abend, der nachwirkt
Einige Fans finden sich nach dem Konzert am Merchstand wieder. So auch Nicolas, der noch einmal für die Druckerei spenden und ein paar Sticker mitnehmen möchte. Besonders blieben ihm die Fan-Aktionen im Kopf: „Die Papiersterne waren eine schöne Aktion von den Fans organisiert – so etwas habe ich bisher selten auf Konzerten gesehen“, erzählt er und lächelt. „Leider habe ich vor dem Konzert nichts davon mitbekommen.“
Die Ansprachen und kurzen Aufrufe von Edwin, besonders zur mentalen Gesundheit, lobt der Fan. „Gerade mit seiner jüngeren Fanbase ist es wichtig, über solche Themen zu sprechen“, sagt Nicolas. Auch das letzte Lied ohne Handys war für ihn besonders, da es sein Lieblingssong war: „Generell ist es schön, im Moment zu leben und die Musik zu genießen – schade ist nur, dass sich nicht alle ans Handy-wegstecken gehalten haben.“
Trotz dessen und der kurzen Länge des Konzertes war er begeistert. „Edwin hat ja im Endeffekt alle seine Songs gespielt.“, schmunzelt der Fan.
Für viele andere Besucher, wie auch Nicolas, war es also genau die Mischung aus Musik, Haltung, Stimmung und Ernsthaftigkeit, die Edwin Rosen und auch seine Konzerte besonders macht.
