

Die Musicalversion des Films Fack Ju Göhte in Wiesbaden verleiht dem vulgären Kultfilm von 2013 emotionale Tiefe. Ein Bericht von Joelle Kurz.
Es ist genau zehn vor halb acht, als ich an einem Mittwochabend die Wartburg betrete. Nicht die Wartburg, in der Martin Luther einst die Bibel ins Deutsche übersetzte, sondern eine der Schauspielbühnen des Staatstheaters Wiesbaden. Gemütlich – ist das erste, das mir in den Kopf kommt, als ich den Saal betrete. Ein kleiner, schicker Theatersaal schafft eine familiäre Stimmung. Die Bühne scheint in bunten Lichtern und hebt sich abstrakt vom schlichten Beige des Saals ab. Ein besonderes Stück führt mich an diesem Abend nach Wiesbaden: „Fack Ju Göhte – das Musical“. Beim ersten Lesen konnte ich mir kaum vorstellen, wie aus dem Film ein Musical wird. „Fack Ju Göhte“ ist als deutscher Kultfilm bekannt, besonders durch seine freche und vulgäre Art.
Beim Blick ins Publikum fällt mir der Altersdurchschnitt auf: Trotz der mutigen, vulgären Art des Stücks sitzen neben mir auch einige über siebzigjährige Zuschauer. Bevor ich weiter darüber nachdenke, werden die Lichter gedimmt und das Ensemble des JungenStaatsmusicals betritt die Bühne. Die Schauspielerin der Rolle Charlie bittet das Publikum auf schrille und vulgäre Art, die Smartphones wegzulegen. Die Reaktionen sind überrascht, einige leicht geschockt – Eindruck hinterlassen hat sie allemal. Einige Darsteller sind noch Teenager oder Anfang zwanzig, passend zum Stück.
Vor der Aufführung spreche ich mit der Regisseurin des Musicals und Leitung des Jungen Staatsmusicals Iris Limbarth. Sie erklärt, dass Charaktere ähnlich wie im Film besetzt wurden, sowohl vom Aussehen als auch vom Charakter. „Mit überzeichneten Theaterklischees konnten junge Schauspieler auch ältere Rollen spielen, wie die der Schulleiterin Frau Gerster.“
Zwischen Bewegtbild und Bühnendarstellung
Wie im Film beginnt das Stück mit Zekis Entlassung aus dem Gefängnis. Mit dem Lied „Endlich frei“ reflektiert er seine Gefühle, begleitet von einer Live-Band hinter der Bühne. Szenenwechsel erfolgen schnell, Zeki ist im Bewerbungsgespräch an der Schule. Bestimmte Inhalte werden in Songs transportiert, manche Lieder wirken wie Dialoge. „Das macht das Erlebnis anders, aber meiner Meinung nach besser“, erklärt Limbarth. Im Song „Schule ist Amok“ sieht man die Schülerinnen der Klasse 10b erstmals.

Das Musical orientiert sich am Film: Ex-Sträfling Zeki Müller gibt sich als Lehrer aus, um an seine Beute zu gelangen, verliebt sich in die quirlige Referendarin Lisi Schnabelstedt und muss mit der nicht zu bändigenden Klasse 10b klarkommen. Nicht nur stimmlich geben die Akteure des Jungen Staatsmusicals alles, sondern auch in den Choreografien der Tänze. Hemmungslos wird über die Bühne getanzt, gesungen und damit Geschichten erzählt – Musical-Feeling pur. Manche Szenen weichen vom Film ab, stören aber nicht. Besonders beeindruckend ist die Schwimmbad-Szene: Blaue Blöcke symbolisieren das Wasser, Streit zwischen Zeki und Danger wird in Zeitlupe ausgetragen, Mitschülerinnen tanzen um die Szene und verstärken die Dramatik. Die Bühne inszeniert Klassenzimmer, Theaterraum und Turnhalle. „Durch einfach verstellbare Möbel und Licht konnten wir schnell von Szene zu Szene wechseln, ohne groß umbauen zu müssen“, so Limbarth.
Im Song „Leeres Blattpapier“ stellen sich Chantal, Burak, Danger, Zeynap und Jerome vor. Das Musical schafft es, durch musikalische Begleitung emotionaler zu sein als der Film. Die raue Schale der Schüler*innen schützt nur ihr Inneres. Limbarth erklärt: „Die Songs agieren als emotionale Schilderung der Gefühle der Charaktere. Das Musical erreicht so eine tiefere Ebene als der Film.“
Musicaldarstellerische Höchstleistung erreicht das Ensemble bei „Romeo und Julia“, wo Tanz, Schauspiel, Emotion und Humor aufeinandertreffen. Szenische Wechsel und Liedenden werden vom Applaus des Publikums begleitet.
Klasse 10b begeistert das Publikum
Nachdem Lisi entdeckt, dass Zeki ein Doppelleben führt, fällt sie in ein tiefes Loch. Mithilfe von Charlie gelingt es Zeki, Lisis Vertrauen zurückzugewinnen, während die Klasse 10b durch seine Unterstützung zusammenwächst und er weiterhin an der Schule unterrichten darf.
Nachdem der letzte Ton des finalen Songs verklingt, höre ich schon das erste Klatschen aus dem Publikum. Begeisterte Gesichter, die schon ganz rot sind vor Lachen, applaudierende Menschen im ganzen Saal – das Stück löst etwas aus. Britta, eine Zuschauerin, erzählt: „Wir sind in den letzten zehn Jahren bestimmt neunmal hier gewesen. Dieses Stück gefällt mir bis jetzt am besten. Es ist lustig, gewagt und die Schauspieler bieten eine große Show.“

Einen schönen Abschluss beschert uns die Schauspielerin der Rolle Charlie, die an diesem Abend Geburtstag hat. Sie wird unter Applaus von ihrer Mutter mit Blumen auf der Bühne überrascht. Laut Limbarth trenne beide normalerweise große Distanz.
„Es sind liebenswerte Figuren aus dem Alltag – es könnte auch der Nachbar von nebenan sein. Man kann sich mit einigen Charakteren identifizieren, darüber lachen und vielleicht auch über sich selbst lachen“, sagt Limbarth. Alltag wird erzählt, vielleicht etwas übertrieben, doch genau solche Geschichten machen ihn für viele erträglicher.
Und so verlasse ich die Wartburg mit dem Gefühl, dass dieser Abend nicht nur unterhalten, sondern berührt hat – genau wie ein gutes Musical es tun sollte.
