

Die modernisierte Version von „Stolz und Vorurteil“ ist eine bewusst provozierende und politisierte Neuinterpretation des Klassikers. Ein mutiger Schritt, den traditionellen Stoff aufzubrechen und zu hinterfragen, was Liebe, Freiheit und Selbstbestimmung heute bedeuten. Ein Bericht von Amber Ibold.
Die Theateraufführung „Stolz und Vorurteil“ im Staatstheater Darmstadt überraschte das Publikum am 5. Dezember 2025 mit einer mutigen und modernen Neuinszenierung. Unter der Regie von Anna Malena Große wurde Austens Originalstoff mit zeitgenössischer Gesellschaftskritik, feministischer Perspektive und multimedialen Elementen verknüpft. Zwölf Tage vor der Premiere übernahm Florian Mahlberg aufgrund von Krankheit die Leitung des Projekts und setzte Großes Vision erfolgreich fort, sodass die Aufführung trotz der kurzfristigen Umstrukturierungen ein rundes Gesamtbild vermittelte.
Im Zentrum der Handlung stehen die fünf Bennet-Schwestern, die gemeinsam mit ihren Eltern auf dem Land lebt und sich in einer wirtschaftlich kritischen Situation befinden. Ihre Existenz ist bedroht, da das Vermögen der Familie nicht an die Töchter vererbt werden kann. Um dem finanziellen Ruin und sozialen Abstieg zu entkommen, müssen sie wohlhabende Ehemänner finden. Als die reichen Gentlemen Mr. Bingley (Nico Ehrenteit) und Mr. Darcy (Florian Donath) auf einem Ball erscheinen, entwickelt sich zwischen Jane (Lisa Eder) und Bingley schnell eine romantische Annäherung. Das Aufeinandertreffen von Lizzy (Aleksandra Kienitz) und Darcy verläuft hingegen weniger harmonisch und ist von einigen Vorurteilen geprägt.
Gegen Patriarchat und Kapitalismus
Die Inszenierung legte einen deutlichen Schwerpunkt auf die Objektifizierung der Frau, die unter anderem aufgrund wirtschaftlicher Machtverhältnisse bedingt war. Auch historisches Material wurde integriert, um die Unterdrückung und mangelnde Anerkennung der Frau zu kennzeichnen. Bereits zu Beginn wurde ein Video über den Erwerb einer Kutsche gezeigt, die im Stück mehrfach als Requisit von Bedeutung war. Sie fungierte nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als Schlafzimmer der Schwestern Jane und Lizzy sowie später als Krankenbett bei Mr. Bingley.
Besonders ins Auge fielen die pastellfarbenen Kostüme von Lena Böckmann, die durch Rüschen, Schleifen und überzeichnete Details eine beinahe puppenhafte Ästhetik erzeugten. Beide Eltern waren fast vollständig in Weiß gekleidet, ebenso Darcy und Bingley, deren Outfits jedoch eher an Ritterkostüme erinnerten und damit eine ironische Überhöhung männlicher Machtansprüche darstellten. Die hohen Schuhe der Gentlemen symbolisierten ihre privilegierte gesellschaftliche Stellung, im Gegensatz zu den flachen Schuhen der Bennet-Familie. Der bewusste Bruch der Standesnormen wurde sichtbar, als Bingley trotz hoher Schuhe durch Matsch lief und beide später schlichte Kleidung und Sneaker trugen.
Die Regie schärfte den feministischen Ansatz des Romans durch zahlreiche moderne Bezüge weiter. Besonders prägnant trat ein eingespieltes Video-Interview mit der Philosophin Eva von Redecker hervor, die das Motiv des „Phantombesitzes“ beleuchtete – die historisch tief verankerte männliche Vorstellung, Anspruch auf Frauen zu haben. Sie kritisierte, dass auch heutige Beziehungen häufig von unausgeglichenen Machtverhältnissen geprägt seien und stellte das romantische Happy End des Originals grundsätzlich infrage. Entsprechend wurden zentrale Figurenkonstellationen verändert: Lizzy erhielt keinen Heiratsantrag von Mr. Collins und weder sie noch Jane entschieden sich am Ende für eine Ehe.
Stattdessen verlagert die Inszenierung den Fokus bewusst weg von der Liebesgeschichte zwischen Lizzy und Darcy. Die Handlung wird durch Fakten über die Industrialisierung unterbrochen. Jane und Bingley laufen in einem gigantischen Webstuhl und sprechen über die Grausamkeit der frühen Textilindustrie. Sie zählen Arbeiter:innen aus Wollfabriken auf, wobei schnell deutlich wurde, dass Frauen den Großteil der ausgebeuteten Arbeitskräfte stellen. Das fiktive Start-up „Blingley Solutions“ kritisiert satirisch, wie Männer mithilfe von künstlicher Intelligenz versuchen, Frauen nach idealisierten Vorstellungen zu „konstruieren“, getrieben von einem Gefühl der Bedrohung durch weibliche Emanzipation. Es reißt nicht nur toxische Männlichkeit, sondern auch das damit verbundene Problem von Machtverhältnissen durch Kapitalismus an.
Selbstliebe statt Ehe
Am Ende der Aufführung liegen die Bennet-Schwestern auf dem Boden, unverheiratet und ohne romantisches Finale. Lizzy beendet das Stück mit den Worten: „Jane, ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“
Das klare feministische Statement betont, dass Glück und Selbstbestimmung nicht von einer Ehe abhängen.
Trotz großen Applauses am Ende gingen die Meinungen im Publikum auseinander. Maria Huber meinte: „Das ist für mich kein richtiges Theater, viel zu modern und eher auf ein junges Publikum zugeschnitten.“ Charlotte Klein hingegen sagte: „Ich hatte ein romantisches Ende erwartet, doch wurde positiv überrascht.“
Die modernisierte Version von „Stolz und Vorurteil“ ist eine bewusst provozierende und politisierte Neuinterpretation des Klassikers. Ein mutiger Schritt, den traditionellen Stoff aufzubrechen und zu hinterfragen, was Liebe, Freiheit und Selbstbestimmung heute bedeuten.
