Ein Mann mit roter Kopfbedeckung sitzt auf einer Bühne vor einem Bücherregal
Tarboush ist eine traditionelle rote Kopfbedeckung in Zylinderform mit Quaste, die früher vor allem im Orient weitverbreitetet war. © Jana Salah
Ein Mann mit roter Kopfbedeckung sitzt auf einer Bühne vor einem Bücherregal
Tarboush ist eine traditionelle rote Kopfbedeckung in Zylinderform mit Quaste, die früher vor allem im Orient weitverbreitetet war. © Jana Salah

Der Geschichtenerzähler Al Hakawati mit seinem Programm „1001 Nacht – Die Kunst des Erzählens zwischen Damaskus und Frankfurt“ im Kultur-Café des Theater Willy Praml. Eine Reportage von Jana Salah.


Mit der einen Hand schlägt er sein Buch auf, mit der anderen hält er den holzbraunen Stock. In dem Moment, in dem er die Seite umblättert, sind wir nicht mehr in Frankfurt, sondern in Bagdad. Hier beginnt eine Geschichte – die eine gehört dem Sindbad und die andere ihm.

Damals, in einer Welt ohne Fernsehen und Internet, war der Geschichtenerzähler, auf arabisch „Hakawati“, eine zentrale Figur des gesellschaftlichen Lebens. Besonders in der arabischen Kultur der Levante war er eine wichtige Unterhaltungsquelle. Die Menschen versammelten sich in Kaffeehäusern oder draußen auf öffentlichen Plätzen. Sie hörten Geschichten über Abenteuer, Heldentaten oder Liebesdramen. Mal mitreißend, mal witzig, mal tragisch. Jede Erzählung trug eine Moral in sich. Das Publikum wurde nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt.

Heute sitzen wir im Willy-Praml-Theater in Frankfurt am Main. Der Raum ist kein klassischer Theatersaal, sondern wirkt offen, fast wie ein Café. In der Mitte stehen mehrere Holztische mit Stühlen, davor runde Metalltische. Alle sind auf ein kleines graues Metallpodest ausgerichtet. Genau dort sitzt der Geschichtenerzähler Muawia Harb. Neben ihm steht ein Tisch mit einem Buch und einer Wasserflasche. Hinter ihm ein großes Regal voller Bücher, die darauf warten, erzählt zu werden. Muawia trägt schwarzgraue Kleidung, einen weißen traditionellen Schal und einen roten Tarboush. In der Hand hält er einen Holzstock, mehr Symbol als Stütze. An der Bar holen sich einige Besucher noch schnell einen Kaffee, ein Tee oder ein Glas Wein. Viele haben ihre Schals noch um, manche eine Decke auf dem Schoß. Es ist ein wenig kühl, doch niemand scheint sich daran zu stören. Bevor Muawia zu erzählen beginnt, geht er von Tisch zu Tisch, begrüßt die Besucher und fragt, wie es ihnen geht. Dann kehrt er auf sein Podest, der Raum ist bereit zuzuhören.

Muawias Art zu erzählen

Muawia lehnt sich auf seinem Stuhl, öffnet sein Buch und wirft einen schnellen Blick über die Köpfe seines Publikums. Heute erzählt er von Sindbad, dem berühmten Seefahrer und Geschäftsmann aus „Tausend und eine Nacht“. Sindbad reist von Insel zu Insel, meistert Herausforderungen und überlebt gefährliche Situationen. Die Erzählung ist in mehreren Reisen gegliedert. Diese werden bei den monatlich stattfindenden Veranstaltungen nach und nach erzählt. Bevor Muawia mit den neuen Teilen beginnt, fasst er die bisher erzählten Teilen zusammen. So kann das Publikum wieder in die Handlung eintauchen. Sein Erzählstil ist lebendig und interaktiv. „Stellt euch vor, ihr wärt an Sindbads Stelle, was würdet ihr tun?“, fragt er die Zuhörer. Das Publikum denkt nach, murmelt und ruft Vorschläge. Auch seine Gestik wird Teil der Geschichte. Mit seinen Händen malt er die Szenen in die Luft. Zwischendurch hebt er seinen Stock, um die Spannung zu steigern. Nicht nur seine Gestik auch seine Stimme folgt der Dramaturgie der Geschichte. Sie steigt mit den Höhen der Erzählung und fällt in ihre Tiefen.

zwei Musiker auf einer Bühne vor einem großen Bücherregal
Sindbad ist eine Figur aus Tausend und eine Nacht Geschichten. © Jana Salah

Mit modernen Vergleichen holt er die alten Abenteuer in die Gegenwart: „Sindbad ist so reich, er ist reicher als Elon Musk!“, sagt Muawia und erntet Lachen aus dem Publikum. Berühmte Persönlichkeiten wie Elon Musk, Sportler wie Usain Bolt oder Anime-Figuren tauchen je nach Szene in seiner Erzählung auf. So werden Sindbads Reisen für die Zuhörer zeitgemäß und greifbar.

Aktivitäten nach der Geschichte

Nach den Erzählungen geht der Abend jeweils in unterschiedliche Programmpunkte über. Die erste Veranstaltung bezog das Publikum spielerisch mit ein, wohingegen die zweite musikalisch ausklang. Zwei Musiker, Brüder aus Marburg, spielten arabische und kurdische Lieder auf Saz und Gitarre. Viele Zuhörer kannten die Melodien, einige sangen leise mit. Die Musik schuf ein warmes und herzliches Ambiente.

Ein Publikum im Wandel

Das Publikum ist vielfältig. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters sitzen nebeneinander. Früher waren solche Veranstaltungen fast ausschließlich Männern vorbehalten. Eine Besucherin, Razan, bringt es auf den Punkt: „Ich finde es toll, dass auch Frauen heute hier sein können.“ Sie freut sich, diese gesellschaftliche Veränderung zu erleben. Gleichzeitig steht Muawia vor einer anderen Herausforderung. Er erklärt, dass sein eigentliches Problem nicht die Vorbereitung der Geschichte sei, sondern das Erreichen des Publikums: „Immer sitze ich da und frage mich: Kommt jemand oder kommt niemand? Wird dieses Event weitergeführt oder wird es sterben?“, zweifelt der Geschichtenerzähler. In einer Zeit, in der Streaming-Plattformen, Kinos und digitale Unterhaltung jederzeit verfügbar sind, ist es schwieriger geworden, Menschen für Live-Erlebnisse zu gewinnen. Dies gilt besonders für Veranstaltungen wie die des Geschichtenerzählers. Sie finden auf Arabisch statt und richten sich an ein spezifisches Publikum in Frankfurt und Umgebung. Diese Herausforderung – sich gegen eine jederzeit aufrufbare Unterhaltung zu behaupten – bestätigt auch die Statistik des Statistischen Bundesamtes. Rund 11,6 Millionen Menschen besuchten 2023 Theater, während die Kinobesuche 95,7 Millionen erreichten. Gerade deshalb wirkt die Veranstaltung des Geschichtenerzählers so besonders. Sie lässt sich nicht wegklicken, sondern muss nah erlebt werden.

Flucht zur Bühne

Schon als Kind baute Muawia Harb mit seinen Freunden im Keller eine kleine Bühne. „Der eine konnte zaubern, der andere Geschichten erzählen oder schauspielern“, erzählt er und lächelt bei der Erinnerung an seine Kindheit. Sie holten Stühle aus dem Haus, improvisierten Kostüme und forderten ein paar Lira [Anm. Währung in Syrien] vom Publikum, das meist aus Geschwistern oder Nachbarn bestand. Später besuchte Muawia ein historisches Café, „Al Nawfara“. Dort sah er zum ersten Mal einen echten Geschichtenerzähler auftreten. „Ich war fasziniert und zugleich inspiriert. Das war einer der Gründe, warum ich Schauspieler werden wollte“, sagt er heute. 2014 zwang ihn der Krieg, Syrien zu verlassen. Zunächst zog er nach Marburg, später nach Kassel, wo er zwei Jahre lebte. Über einen Kirchenbesuch entdeckte er schließlich das Willy-Praml-Theater in Frankfurt. Heute arbeitet er dort seit fast zehn Jahren.

Die Veranstaltung ist zu Ende. Er schließt das Buch, Sindbads Geschichte ist vorbei, doch die Geschichte von Muawia Harb geht weiter.

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